Welken hat Würde

Die Briten haben gut lachen. Immer schon (vielleicht gerade jetzt nicht unbedingt wegen dem Brexit) verstehen sie es, das Leben in ganz besonderen Phasen aus ganz besonderen Perspektiven zu betrachten. Und das mit diesem sehr speziellen Augenzwinkern: Ich gestehe, dass ich das nicht nur liebe – ich bin süchtig danach. Das ist irgendwie das Britische in mir.

Foto: Alamode FIlm

Wer so wie ich empfindet, muss den Film „Swimming with Men“ sehen. Da geht der „Zahlenmann“ Eric Scott, ein Buchhalter nach Maßanzugträgermaß der „City of London“, ein Genie im steuerschonenden oder sogar -flüchtenden Jonglieren von Summen in Bilanzen, durch seine midlife-crisis. Er, ein leidenschaftlicher Schwimmer, der schon mal im „Parfüm“ des Chlorgeruchs zur Party seiner gerade zur Lokalpolitikerin gekürten Gattin nach Hause kommt, trifft auf ein Team von british men, die sich einem Geheimbund gleich dem Synchronschwimmen verpflichtet haben.

Die Komödie, geschrieben von Aschlin Ditta, inszeniert von Oliver Parker, verbietet das Breit(wasser)treten weiterer Details, sonst hieße es hier: Spoileralarm! Situationskomik und Wortwitz (der Film läuft in Originalfassung mit deutschsprachigen Untertiteln) zeichnen den Film genauso aus wie seine Besetzung: wir erleben da etwa Rupert Graves, den wir gut als Inspektor aus den „Sherlock“-Filmen mit Benedict Cumberbatch kennen, Jim Carter, Thomas Turgoose als Schlitzohr der Truppe, Charlotte Riley, die als Trainerin schon mal hart durchgreift und vor allem den Walisen (das als Verständnisunterstützung für eine klitzekleine Spezialpointe) Rob Brydon als Eric Scott.

Wo immer „Swimming with Men“ in einem Kino läuft: geht hin! Schaut euch den Film an! Und erkennt die Botschaft des blogpost-Titels!

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , , , ,

Die Besten sind anderswo: eine Replik

Anton Thuswaldner, langjähriger genauer Beobachter und Kommentator der Literaturszene, führt in seiner Analyse des Bachmann-Preises in den Salzburger Nachrichten (4. Juli 2018, Seite 9) eine Argumentation, die ich so nicht stehen lassen kann. Mir missfällt sein Hochmut, mit dem er über Autorinnen und Autoren urteilt, die in Klagenfurt zu Preisehren gekommen sind. Er zweifelt am Bestand ihrer literarischen Werke, „so sehen nicht Arbeiten aus, denen man längere Haltbarkeit zutrauen möchte“. Als Bibliothekar einer schulischen Nahversorgung mit Literatur diskutierte ich in der vergangenen Woche mit meinen beiden Kolleginnen in dieser Aufgabe, inwiefern sich Thomas Bernhard (wir haben sein gesamtes Werk!) wohl in einen literarischen Kanon gefügt hätte. Wir äußerten uns dazu sehr skeptisch. An Bernhards „Haltbarkeit“ würde Anton Thuswaldner wohl nicht so offen zweifeln wollen, wie er es hier mit den Preisträgern 2015 und 2017 tut. Denen von 2014 und 2016 spricht er rückblickend ohnedies die Preiswürde ab. Natürlich argumentiert er zwischen den Zeilen mit der eigentlichen Mission des Bewerbs, der immer zur Jahresmitte in Klagenfurt zur Aufführung kommt, der Suche nach einer wegweisenden Neugestaltung von Handlung in Prosa. Doch blendet er aus, dass dieser Literatur-Zirkus, so wie er seine Zelte im Landesstudio Kärnten aufschlägt, davon lebt, dass Literatur einerseits „groß“ ins Schaufenster zur Welt, also ins Fernsehen kommt und dementsprechend schon immer die Selbstinszenierung mancher Autoren und erst recht der Juroren stärker war als so mancher Text, der dort vorgelesen wurde, ob aus einem Roman in Erscheinung oder extra für den Bewerb geschrieben. Es wird ja verlangt, dass Autoren mit einem unveröffentlichten Text antreten.

Die Besten sind anderswo. Jeder Rezipient von Literatur, ob Prosa, Drama, Lyrik, Sachliteratur, bestimmt diese für sich.

Die Auswahl jener, die im Mittjahreszirkus auftreten dürfen, erfolgt ja auf Grund von Nominierung durch Juroren, deren Motivation dazu vernebelt bleibt. Da und dort lichtet sich vielleicht ein Blick darauf und man erkennt gute freundschaftliche Bande zwischen Juror und Autor oder vielleicht sogar einen Verlag, der etwas angeschoben hat. Klagenfurt, dieses Synonym für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur, ist ein Marketing-Hotspot für die Buchwirtschaft, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist gut, dass es ihn gibt, weil die Beckmesserei, die dabei vollzogen wird, bestens ins Eventformat passt. Nichts ist (als Show) spannender als jener Moment zu eigentlich friedfertigen Sonntagsmatineezeiten, wenn die Juroren Runde für Runde zu vergebenden Preisgelds in beharrlicher Pokermanier (knappe Begründungssätze, abgeschlossen mit verbissen durch die Zähne gejagtem Nachnamen) dem Schreibenden aus dem „eigenen Stall“ zu Ruhm und Einkommensaufbesserung verhelfen wollen.

Getaggt mit , , , , , , , ,

Wenn es wirklich wichtig ist

Dieser „Mitarbeiter“ der Österreichischen Post nimmt von nun an nur noch „Prio“-Briefe an.

Die Österreichische Post erkennt in schöner Regelmäßigkeit, dass das Briefgeschäft schrumpft. Ganz abstoßen kann sie es nicht, sie hat, obwohl privatisiert, einen gesetzlichen Auftrag dazu. Man schleppt es halt mit und, ja, es ist teuer. Darum sollen jene, die es (noch) nützen, denen etwas wirklich wichtig ist und die darum dann und wann gerne mal einen Brief, ein Billet oder noch eine echte Ansichtskarte aus dem Urlaubsort verschicken, mit einem neuen Porto-Modell gequält, ich korrigiere: herausgefordert werden.

Ein normaler Brief bis 20 Gramm kostet nun 80 statt bisher 68 Cent und die Post gibt für diesen Versand eine Zustellgarantie am nächsten Werktag. Irgendwie handelt es sich dabei um einen dubiosen Kaufvertrag, den man da abschließt, weil die Erfüllung der bezahlten Leistung so schlecht kontrolliert werden kann. Darf der Empfänger, wenn er erkennt, dass der Brief („Prio“ heißt dieses Versandmodell) zu spät zugestellt worden ist, dies dem Absender mitteilen? Und der klagt dann ein, dass die verkaufte Dienstleistung nicht erbracht worden ist?

Man kann nun auch „Eco“ senden, es kostet 70 Cent, und die Zustellung erfolgt zwei bis drei Tage nach Versand: das Modell für den Briefträger, der gerne mal ein bisschen bummelt. Dafür gibt es allerdings keine Briefmarken, sondern nur vorfrankierte bedruckte Kuverts, die ausschließlich in Postfilialen erhältlich sind. Wie viele gibt es davon noch? Wie altmodisch sind deren Öffnungszeiten (Mittagssperren)? Wie umständlich und kundenunfreundlich gestaltet sich der Service dort? Ich finde auch die Vorstellung nett, wenn Leute mit ihren Schreiben in die Filialen strömen und diese dann dort falten, Kuverts beschriften und zukleben. Vielleicht sollte man dies in Gestalt eines „flash mobs“ einfach mal ausprobieren.

Auch ein Modell Schneckenpost ist wählbar, es heißt „Eco Business“, Kostenpunkt: 65 Cent. Diese Briefe dürfen dann vier bis fünf Tage auf Reise sein. Logistische Verwirrung in den Verteilerzentren ist wohl angesagt, immerhin müssen bestimmte Briefe der Varianten „Eco“ bzw. „Eco business“ ja länger bleiben. Natürlich geht´s der Post um die Verlockung des Kunden, 80 Cent in den Transport seines Briefes zu investieren. Und damit streift man ab morgen Montag, wenn die Postfilialen und Postpartnerstellen wieder geöffnet haben, 18 Prozent mehr pro Sendung ein als noch zuletzt am Freitag.

Alles in allem handelt es sich um ein interessantes Geschäftsmodell, demzufolge man die eigenen betrieblichen Schwächen in ein Tarifmodell umwandelt, auf dass mit einem (weiterhin) schrumpfenden Geschäftsbereich die letzten getreuen Konsumenten halt noch kräftig ausgenommen werden sollen. Fazit: Bestimmte öffentliche Dienstleistungen sind niemals privatisierbar! Am Briefverkehr der Post statuiert sich diesbezüglich ein Exempel.

Apropos Nepp: das Einschreiben als eine Form von Garantie einer Zustellung und die damit verbundene Gebühr, ab sofort 2,30 Euro. In österreichischen Haushalten ist zu Tageszeiten, an denen der Zusteller versucht, das Einschreiben zu überbringen, sicher niemand zu Hause. Man bezahlt mit dem Aufschlag also nicht mehr als die Überbringung eines gelben Zettels, der dann signalisiert, man möge in der zuständigen Filiale zur Abholung vorstellig werden. Paradoxer Abcash-Wahnsinn! Bitte eine zeitgemäße digitalisierte Verständigungslösung, aber rasch!

Getaggt mit , , , , , , ,

Das Spanische-Gurken-Syndrom

Wieder ergeht es einem Produkt wie vor Jahren den spanischen Gurken (im Bild eine „Symbolgurke“, laut Verpackung stammt sie aus Österreich)

Eine kleine unscheinbare e-mail traf vor einigen Tagen bei mir ein. Ich hätte dieses Produkt gekauft, es folgte die Bezeichnung. Nun habe man festgestellt, dass dieses bei Anwendern Reizungen und in Folge möglicherweise eine Allergie auslösen könne. Darum sei nun geboten, es nicht mehr zum Einsatz zu bringen. Und: falls man dieses Produkt zwar gekauft, dann aber verschenkt habe, sei man herzlich ersucht, den Beschenkten zumindest zu informieren. Noch besser aber wäre es, das Geschenk zurückzufordern.

Im konkreten Fall geht es um eine Lösung, die in Schwimmbrillen fachgerecht angebracht, verhindert, dass diese beschlagen. Nicht nur praktisch, sondern für Schwimmen auf Ausdauer oder im Wettkampf unerlässlich. Dem Produkt war eine (ja, okay! sehr klein gedruckte) Gebrauchsanweisung beigegeben, derzufolge die Lösung mit dem vorgegebenen Applikator vor oder nach dem Schwimmen auf der Innenseite der Gläser aufzutragen ist, dort zwei Minuten einwirken soll, bevor man mit klarem Wasser ausspült und die Brille an der Luft trocknen lässt. Warnhinweise, dass die Lösung fern von Kindern aufbewahrt werden muss und wie vorzugehen ist, sollte man davon etwas in die Augen bekommen bzw. dass die Dämpfe nicht eingeatmet werden sollen, finden sich selbstverständlich auf dem Stift selbst wie auch auf der Produktverpackung.

Also, dann: worin besteht das Problem?

Es mag gut sein, dass jemand auf das Produkt trotz fachgerechter Anwendung gesundheitlich reagiert. Ich halte das für bedauerlich und zugleich für eine individuelle Indikation, in deren Folge ich in einem Zeitalter der Individualisierung schwer akzeptieren kann, dass eine daraus abgeleitete Regel für alle und jeden gelten kann oder sogar muss. Ich verstehe, dass der Hersteller sich vor Schadenersatzforderungen schützen will. Doch haben wir keine Gewissheit, ob nicht eine Anwendungsfreiheit (man könnte auch sagen: Beratungsresistenz, wer liest Gebrauchsanweisungen?) Ursache dessen ist, was dann ausgelöst hat, dass der Internethändler alle Kunden, die dieses Produkt gekauft haben, informieren muss. Diese Handlungsweisen, seit Jahr und Tag bekannt, entmündigen uns. So wie vor einigen Sommern Gurken aus Spanien zu „bösen“ Angreifern auf unsere Gesundheit stigmatisiert worden sind, weil Konsumenten nach ihrem Verzehr mit Verdauungsproblemen zu kämpfen hatten: wissen wir tatsächlich nicht mehr, dass Gemüse vor Genuss gründlich gewaschen werden muss?

Insofern verwende ich meinen Fogbuster weiterhin, gemäß Anleitung. Das alte Hausrezept mit In-die-Brille-Reinspucken und Mit-dem-Finger-Sauberwischen ist übrigens ein Blödsinn, man zerkratzt sich dabei nur die Gläser!

Getaggt mit , , , , , , , , , ,

Raus aus dem Ressentiment!

Bei diesem Text handelt es sich um einen Ausschnitt aus meiner Festrede als Vorsitzender der Reife- und Diplomprüfung an der HLW Auhof in Linz (Oberösterreich), gehalten am 15.6.2018 anlässlich der Zeugnisverteilung:

„(…) Mir ist es ein Anliegen, in Ihnen eine Verantwortung zu wecken. Mit diesem Weckruf allein ist es allerdings nicht getan. Gemäß den allgemeinen Bildungsaufgaben des Lehrplans der humanberuflichen Schulen Österreichs haben wir Lehrerinnen und Lehrer Sie auch an eine Rolle als „active citizen“, als wachsame Staatsbürgerin und wachsamen Staatsbürger herangeführt. Und genau als solche und solcher sind Sie nun gefragt:

Wir leben in einer Zeit des Ressentiments.

Ein Wort, so schön von seinem Klang her, doch in ihm steckt eine gefährliche Tücke, nämlich die Tücke, dass wir uns selbst entmündigen.

Ein „heimlicher Groll“ – nichts anderes bedeutet Ressentiment als Lehnwort aus dem Französischen – hat von uns Besitz ergriffen. Vorurteile, Gefühle von Unterlegenheit und Neid schüren in uns teilweise unbewusste Abneigungen. Klage und Beschwerde wachsen sich aus zu einer Verurteilung des anderen als „böse“. Ein Gutteil von uns vollzieht dies in den verlockenden Echoräumen von social-media-Anwendungen, deren privater Anschein enorme öffentliche Wirkung erzeugen kann.

Der an der Linzer Kunstuniversität lehrende Philosoph Robert Pfaller hat sich eingehend mit dem Phänomen des Ressentiments beschäftigt und in einem bemerkenswerten Aufsatz an jene zwei Merkmale erinnert, die Friedrich Nietzsche dem Ressentiment zugeschrieben hat. Einerseits handelt es sich um einen „Ausbruch gegen die Glücklicken“, andererseits um „Asketismus“.

„Wir (…)“, schreibt Pfaller da, „haben einen erstaunlichen Hass auf unsere früheren Vergnügungen ausgebildet.“ Wir haben den Fleischgenuss, das Tragen von Pelz, das Trinken von Alkohol, den Tabak, das Parfüm, eine Erwachsenensprache im Umgang miteinander, das Witze-Machen und noch vieles mehr verdammt.

„Unsere früheren Götter, die wir aufgehört haben zu verehren“, schreibt der Philosoph Pfaller weiter, „sind gestürzt und dadurch zu unseren Dämonen geworden.“ Eine Umwertung habe sich vollzogen und „wir schämen uns nicht einmal dafür. (…) Denn das Ressentiment zeichnet sich gerade durch das Fehlen jeglicher Scham aus, was das Dämonisieren von anderen oder den Hass auf das Glück betrifft.“

Ich muss hier verkürzen, darum ein paar von Pfallers Gedankenwegen auslassen und zur entscheidenden Frage kommen, die da sehr simpel lautet: Was tun? Wie kommen wir heraus aus dem Ressentiment? Der Philosoph ruft uns in Erinnerung, „dass bestimmte zivilisierte kulturelle Praktiken in der Geschichte Individuen darin trainiert haben, sich von sich selbst zu distanzieren.“ Und er regt an, uns mit dem Gedanken anzufreunden, die gegenwärtig aufgelöste Trennung zwischen privater Person und öffentlicher Rolle „wieder zu etablieren und zu verteidigen“, wie er wörtlich sagt.

So lange es sie [gemeint die Trennung zwischen privat und öffentlich] gab, haben Menschen anderen deren Glück im öffentlichen Raum nicht missgönnt. Denn sie sahen deren Fröhlichkeit und Eleganz, deren Verbindlichkeit, Höflichkeit und Charme sowie deren Glück und Genuss als das an, wozu diese anderen sich entsprechend der Rolle, die sie im öffentlichen Raum zu spielen hatten, verpflichtet fühlten.

Der Punkt, auf den Pfaller seinen Aufsatz bringt, sehr geschätzte Absolventinnen und Absolventen, ist eine Einladung an Sie, die ich Ihnen wortwörtlich auf Ihren weiteren Lebensweg mitgeben will. Darum schließe ich mit diesem Zitat:

Wer in der Lage ist, auf erwachsene Weise auf andere zu blicken und diese ebenfalls als Erwachsene wahrzunehmen, wird ihnen wohlwollend und großzügig begegnen. Dieses Wohlwollen gegenüber Gleichen ist andererseits die Bedingung dafür, sich gegen aufkommende Ungleichheit in der Gesellschaft zur Wehr zu setzen.

Ihnen alles Gute! Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.“

Verwendete Literatur:
Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. 3. Aufl., Frankfurt 2018, S. 112-141.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,
Advertisements