Die Irrungen des jungen H.

Der junge H. bekam die Franz-Dinghofer-Medaille für „Verdienste um die Demokratie“ –
Foto: © Parlamentsdirektion/Thomas Topf

Er tut mir Leid, der junge H., 18 Jahre ist er, zur Zeit leistet er seinen Dienst beim österreichischen Bundesheer. Zum zweiten Mal, nun allerdings mit Vollname und Abbildung in den Medien, bekommt er breite Öffentlichkeit.

Im Frühjahr 2017 trat er noch als Schüler in Erscheinung. Während eines Vortrags über Extremismus an einem Oberstufengymnasium in Linz griff er zu seinem Smartphone und verständigte seinen Papi. Der ist Nationalratsabgeordneter der freiheitlichen Partei. Der Sohn meldete sein Unbehagen über den Vortragenden. Sein Papi wollte das gleich richten, rief den Schuldirektor an und erzwang den Abbruch der Veranstaltung, den die zuständige Schulbehörde in ihrer daraufhin durchgeführten Untersuchung als nicht zulässig erachtete. Dass wohl wie in jeder Schulhausordnung der Mobiltelefongebrauch während des Unterrichts (der Gastvortrag galt bestimmt als solcher) nicht gestattet gewesen sein kann, wurde hoffentlich geahndet, auch wenn öffentlich dazu nichts bekannt wurde.

In der vergangenen Woche nun bekam der junge H. eine Auszeichnung, die Franz-Dinghofer-Medaille (zu den Hintergründen verweise ich auf dieses Dossier), laut Presseaussendung des österreichischen Parlaments für „Verdienste um die Demokratie“. Der junge H. erschien in Uniform zur Verleihung. Ob er selbst die Idee hatte oder der eines Zuflüsterers folgte, sich über der Uniform das schwarz-rot-goldene Band seiner Burschenschaft anzulegen, wissen wir nicht. Laut Sprecher des Militärs sind nur die Konsequenzen dieser Verletzung der Allgemeinen Dienstvorschrift (ADV) klar: ein Disziplinarverfahren steht an. Beim Tragen der Uniform darf nichts ergänzt werden. Für bestimmte Veranstaltungen, die Verleihung wäre in diese Kategorie gefallen, bedarf das Tragen sogar einer Genehmigung des Militärkommandanten. Die hatte der junge H. nicht.

Da steht er nun und versteht wohl seine Welt nicht mehr: geehrt für Denunziation als Leistung für die österreichische Demokratie, demnächst disziplinär gemaßregelt vom Bundesheer. Das schreibt diesem jungen Erwachsenen Spuren in die Biografie, die ein Leben lang bleiben werden. Und das, weil er in einem Umfeld unterwegs ist, dem die unbedarfte Verführbarkeit des jungen H. gelegen kommt und das darum nach seinen Interessen mit ihm und seiner Zukunft spielt.

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Reif dafür?

Österreich hat vor drei Wochen gewählt: „direkte Demokratie“ stand nicht auf dem Stimmzettel

Österreichs künftige „Swimming-Pool-Koalition“ (Copyright by Kabarettist Christoph Grissemann) – so benannt, weil sich mit zwei Bewegungen und ihren Leitcouleurs Wasserfarbenschattierungen paaren – stellt vermehrt Bürgerbeteiligungen in Aussicht. An sogenannten „Bürgersonntagen“ sollen dem Schweizer Modell folgend Wahlberechtigte zu wichtigen Anliegen ihre Meinung abgeben. Nehmen vier (Freiheitliche Partei) oder zehn Prozent (Neue Volkspartei) daran teil, soll es zu Volksabstimmungen kommen, deren Ergebnis für die Politik verbindlich ist. Damit nicht Fragen gestellt werden, die am Grundkonsens einer demokratischen Republik rütteln, soll der Verfassungsgerichtshof als Kontrollinstanz der direkten Demokratie vorgeschaltet werden.

Mir wird übel, wenn ich daran denke, welche Klientel zu sachlichen Entscheidungen in Wahlkabinen berufen sein könnte, Tausende, die bei Volksfestauftritten des künftigen Juniorpartners der österreichischen Bundesregierung durch Kampfrhetorik und Alkohol aufgepeitscht auf Bänken und Tischen stehen. Reif für einen Prozess direkter Demokratie?

Mir wird übel, wenn ich daran denke, wie solche „Bürgersonntage“ im Vorfeld durch Kampagnen, Materialschlachten an Werbemitteln, aus überreich aus Steuermitteln gefüllten Parteikassen finanziert, hochstilisiert und emotionalisiert werden, das Anliegen selbst dabei verschüttet wird. Das Ergebnis selbst kann in solchen Atmosphären niemals zukunftsweisend sein oder werden.

Mir wird übel, wenn ich an die Herausforderung der Masse denke, sich umfassend vor einer Entscheidung zu informieren, die dann nur mit einem „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden soll. Ich schätze uns Österreicher so ein, dass wir uns diese Informationsbasis nicht erarbeiten wollen oder können, nicht aus Blödheit oder Ignoranz, sondern aus Gründen unserer Mentalität, die wiederum auf Sozialisierung über Jahrzehnte beruht, und da vor allem auf dem Vertrauen in die Kraft und Verlässlichkeit der repräsentativen Demokratie. Wenn Mehrheiten mobilisiert werden (vier Prozent entspricht 250.000 Personen, zehn 625.000 – beides Größenordnungen, die in Bewegung gebracht werden können, und erst recht jene Prozentzahl, die irgendwo dazwischen als Kompromiss ausverhandelt werden wird!), kann das Schiff Österreich auf seinem Zukunftskurs Schlagseite bekommen.

Direkte Demokratie ist die Frage einer gewachsenen Kultur im Umgang mit ihr. Die Schweiz hat diese, Begleiterscheinungen inklusive. Österreich hat sie nicht, uns fehlt es an Reife dafür.

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In der Bilder-Höhle

So groß ist der Galerienraum der Berufsvereinigung Kunstschaffender Oberösterreichs im OÖ Kulturquartier in Linz (Oberösterreich) nun auch wieder nicht. Wenn 25, die der Vereinigung angehören, der Aufforderung folgen, aus der eigenen Kunstsammlung Exponate mit Schwerpunkt Bilder zu präsentieren, wird der Platz an den Wänden knapp. Rahmen an Rahmen wandelt sich der Raum zu einem Kabinett, oder dem Jahresmotto „Jagen und sammeln“ folgend zu einer Höhle, in der die Kunstwerke von Kollegen beredte „Beuten“ darstellen.

So selbstlos wie sonst nicht statthaft, denn das Geschäft als bildender Künstler ist schwierig und Präsentationsflächen in Ausstellungen sind kostbare Tableaus für das Zur-Schau-Stellen dessen, was in Ateliersituationen entwickelt worden ist, erweisen sich hier Künstler selbst als Promotoren eines künstlerischen Gedächtnisses. Gerade private Sammler haben für die bildende Kunst neben den Museen der öffentlichen Hand die Aufgabe, zur Erinnerung künftiger Generationen beizutragen. Historisch leisteten Fürstenhäuser (z.B. Medici) Bedeutendes. Für die österreichische Gegenwart in der Kunstszene des 20. Jahrhunderts sind Namen wie Rudolf Leopold, Hans Dichand, Karlheinz Essl, Herbert Liaunig, Heinz Angerlehner oder Josef Gegenhuber wichtig.

Im Stillen bleiben – im Normalfall – kleinere Kunstbesitze in privater Hand. Dass Künstler selbst auch Sammler sind und damit Kunstgeschichten schreiben, rückte (sie schloss leider bereits wieder) die feine Schau „Sammeln Kunstschaffende Kunst?“ in Konzeption von Robert Oltay in einen Aufmerksamkeitsfokus. Was von ihr bleibt, ist eine begleitende Publikation, in der die 25 Beteiligten leitfragengeführt ihren Zugang zum Sammeln erörterten, gleichwohl ob aus Kauf oder Tausch. Auffällig: zumeist sind die Kunstwerke der Kollegen im Lebensumfeld präsent, an den Wänden der eigenen Wohnung oder im Atelier. Und: spekulative Absichten im Sinn von Geldanlage und Renditendenken durch geschicktes Kaufen und Verkaufen liegt den Kunstschaffenden selbst absolut fern.

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Die schnelle Engelszunge aus Linz

Blonder Engel – Foto: Marco Prenninger

Schon zehn Jahre steigt der Blonde Engel zu uns herab und verkündet uns in seinen Liedern, was das Leben einem so zutragen kann. So auch jüngst, konkret am vergangenen Freitag, als er zur ersten CD-Release-Show („Das blonde Album“) anlässlich des Bühnenjubiläums lud und den großen Saal des Zeitkulturzentrums Posthof in Linz (Oberösterreich) bis auf den letzten Platz füllte.

„Angel“ erzählt in seinen Liedern von den Herausforderungen unseres Alltags und die ganz speziellen Phänomene dabei, die jeder (an sich) kennt. Freundlich hält er uns damit einen Spiegel vor, lachend dürfen wir uns von jenen Fesseln befreien, denen wir so ausgeliefert scheinen: etwa wenn wir zu IKEA fahren und bestenfalls zusätzlich zu einem Einkaufsplan (?), wenn nicht sogar anstatt Ware kaufen, welche wir eigentlich nicht benötigen. Der Sturz eines Smartphones und der Sprung im Display führen zu einer Abrechnung mit den technischen Kommunikationsmitteln und unserer Abhängigkeit von diesen.

Wie immer schon würde „Angel“ bei einem Sprachpolizei-Radar wegen seiner Sprechhöchstgeschwindigkeit zwar eine Aufnahme auslösen, das Radarbild bliebe ohne Spur des Täters, zu schnell flitzt er in seinen Geschichten absolut textsicher durch die Lieder. Er schreibt herausragend, baut auf großem schriftstellerischen Erbe (Gerhard Bronner) und entwickelt es weiter.

Der besondere Charme des Abends rührt von seiner Moderation in oberösterreichischem Dialekt. Zuletzt hörte ich ihn vor fünf Jahren, fast auf den Tag genau. Sein Reifungsschritt seither besteht vor allem aus den sound-satten, gediegenen musikalischen Arrangements. „Angels“ Band, die Hedwig-Haselrieder-Kombo, hat sich dafür mit Wolfgang Bruno Bründlinger um einen Gitarristen (er ist zugleich „Angels“ Gitarrelehrer) verstärkt. Dass die fünf Herren eine Stilbreite zu musizieren verstehen, spiegelt sich darin, dass man ehrwürdige Verbeugungen vor der Musikgeschichte hören kann, Düsteres wie bei Nick Cave oder Ludwig Hirsch, einmal klingt es wie bei Bob Dylan, dann glitzert es wie bei Neil Diamond, und immer wieder geht’s um ein langes Leben für Rock’n Roll und Blues!

Nächste Termine der Jubiläumstour: 2.11. Graz (Orpheum), 4.11. Waidhofen an der Thaya (Stadtsaal), 10.11. Ebersberg (Altes Kino), 23.11. Salzburg (ARGE Kultur), 24.11. Wien (Stadtsaal).

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Wie wählen? Eine kleine Typologie

Morgen also findet endlich die österreichische Nationalratswahl 2017 statt. Deren langwierige Umstände fordern heraus, vor dem Urnengang der wahlberechtigten Bevölkerung einen Blick auf Wahlverhaltenstypen zu werfen.

Wie (ACHTUNG! Die Frage lautet gezielt nicht „Was?“) wird gewählt?

  1. Traditionales Wählen: man wählt, was man immer schon gewählt hat, weil es in der eigenen Familie seit Generationen so Usus ist. Alternativen sind ausgeschlossen, es braucht da weder Programme noch Wahlwerbung. Die Entscheidung ist gegeben, der Wahlgang selbst Routine.
  2. Ideologisches Wählen: dieses ist Punkt 1) sehr nahe, es wird getragen von einer irrational gefestigten Überzeugung, dass ohnedies nur die eine wahlwerbende Gruppierung wählbar sei, auf Grund ihrer Positionierung (und zugleich sehr frei davon, ob sich diese in jüngster Zeit vielleicht verändert hat). Alternativen sind ausgeschlossen, das Programm ist egal. Die Wahlwerbung wird zum Wasser, das die Mühle der eigenen Überzeugung gut in Schwung hält. Die Entscheidung ist gegeben, der Wahlgang selbst Routine.
  3. An der Zukunft des Landes ausgerichtetes Wählen: meine Stimme ist Teil einer nicht näher quantitativ und qualitativ bestimmbaren Masse, die versucht, die Entwicklung in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen Österreichs (als Mitglied der EU und Teil Europas) zu antizipieren. Alternativen zu bisherigem Wahlverhalten sind möglich, die Programme werden eingehend geprüft. Die Wahlwerbung erscheint als eine vernachlässigbare, vielleicht sogar lästige Größe. Die Entscheidung fällt schwer, der Wahlgang ebenso.
  4. Strategisches Wählen: die Stimmabgabe ist Teil einer Wirklichkeitskonstruktion, die kausale Bedingungen erzeugt und Absichten verfolgt, das Mandats- und Machtverhältnis im Nationalrat durch eine Stimme allein mitzugestalten. Alternativen zu bisherigen Wahlverhalten sind nahezu zwingend, Programme werden nur teilweise beachtet, die Wahlwerbung nimmt Einfluss. Die Entscheidung hinterlässt in jedem Fall nach dem Wahlgang Bauchschmerzen.
  5. Sanktionierendes Wählen, in extremer Form auch Protestwählen: Phänomene aus den Tagen vor der Wahl, insbesondere durch enthusiasmierte Medien in den Wahrnehmungshorizont gespült und dort präsent gehalten, führen zu Entscheidungen nach dem Motiv, es den Mächtigen mit dem wertvollsten Mittel der Demokratie, der Wahl, einfach einmal zeigen zu wollen. Programme der wahlwerbenden Parteien sind egal, die Wahlwerbung nicht, zumeist löste sie dieses Wahlverhalten ja erst aus. Die Entscheidung fällt rasch und aus dem Bauch heraus. Die Stimmabgabe stimuliert das gute Gefühl von Macht, ein kleiner Rausch also, der Kater danach kann schlimm ausfallen.
  6. Weiß wählen: das ist schlicht dumm und eine Missachtung des demokratischen Grundrechts, wählen zu können und zu dürfen.
  7. Nicht wählen: siehe Punkt 6).

In diesem Sinn: Alles Gute für dich, Österreich!

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