Irrsinnig konzentriert

Selten war Antizipation so einfach, nicht erst seit dem Unspruch des Jahres 2016, dem zufolge wir uns ja noch alle wundern werden, was alles möglich ist. Es gibt keinen Grund, sich zu wundern. Doch einen: es ging schneller als erwartet. Unsere Bundesregierung ist ja noch nicht einmal ein Monat im Amt. Der Kanzler und sein im gleichen Haus ressortierender Minister bitten wiederholt darum, die Regierung an ihren Taten zu messen. Davon gibt es noch wenige. Diese Regierung baut sehr stark auf Kommunikation, darum messen wir sie auch an ihren Worten. Und zwar gleich, nicht erst nach der üblichen „Schonfrist“ der berühmten hundert Tage! Wir leben ja schnell.

Vom Verhalten einiger der neuen „Familienmitglieder“ unserer Staatslenkung wenden wir uns darum in tiefster Beschämung ab. Die Verursacher sind die üblichen Verdächtigen, also jene Neuen im Ministeramt, von denen man es am ehesten erwarten hat dürfen: der Infrastrukturminister freute sich „irrsinnig“ aufs Handeln im neuen Amt, sodass er gleich einmal Errungenschaften wie Rettungsgasse oder Tempobeschränkung auf Autobahnen abschaffen oder verändern wollte. In seiner narzißtischen Sprachwelt staubt die Kreide nur so von seinen Stimmbändern. Die Aufsichtsratspräsidentin der Bundesbahnen habe nicht sein Vertrauen (sie durfte es ihm nicht einmal beweisen). Der Mann, der auf den zwangsgeräumten Vorsitzplatz nachrückt, hat einen deutlich ausgeprägten ideologischen Hintergrund. Sieht so aus, als ob Bahnkunden in Hinkunft „Verbindungen“ nicht mehr suchen, eher werden diese für sie schlagend.

Der Innenminister will der Öffentlichkeit weismachen, seine unreflektierte Wortwahl, Asylanten in Unterkünften „konzentriert zu halten“, rühre nicht an Diktionen schlimmster Geschichtskapitel des Landes. Dem Mann glaubt man das Zufallsprodukt einer sprachlichen Entgleisung wenig, nicht nur weil er über Jahre Wahlslogans reimte. Er ist intellektuell genug, (nicht nachweisbar, aber hypothetisch) bewusst sprachlich zu gestalten, bestimmten Rezipientengruppen mit der Wortwahl auch klare Signale zu senden und damit deren Denken salonfähig zu machen. Das kann er, tat er, etwa beim Kongress der „Verteidiger Europas“ im Oktober 2016 als einer der keynote-speakers.

Binnen 25 (!) Tagen seit Angelobung handelt es sich bei beiden Herren und in ihrem Handeln schon um ein recht(s) auffälliges „irrsinnig konzentriertes“ Phänomen, das von der Regierungsspitze nicht kommentiert wird. Dem Vizekanzler gleicher Parteizugehörigkeit brachte sein Klubobmann im Parlament gerade einen dubiosen Orden aus der Republika Srpska mit. Der Kanzler selbst ist zu jung und darum unerfahren, um die Männer (zwei der drei könnten sein Vater sein!) einer Generation über sich in ihren Beweisen mangelnder Regierungsfähigkeit zu reglementieren. Wen wundert’s? Uns, einen Gutteil der Bevölkerung in Sorge um Demokratie und Ansehen unseres Landes.

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Wie kommt es am Schluss?

Donald Sutherland und Helen Mirren spielen John und Ella – Foto: BAC/Filmladen Filmverleih

Der italienische Regisseur Paolo Virzi ist mit seinem Filmdebüt auf amerikanischem Boden mit seinem Publikum unbarmherzig und inszeniert ein Ende seines Films „Das Leuchten der Erinnerung“, das einen weit darüber hinaus beschäftigen muss. Zuvor war da die Lockerheit eines Road-Movies, die Komik, dass alte Eltern mit einem Oldtimer von einem Wohnmobil namens „The Leisure Seeker“ (so auch der Originaltitel des Films) ausbüxen, zum Entsetzen der eigenen, natürlich bereits erwachsenen Kinder in ihren Mittvierzigern oder später. Die Fahrt auf den Highways von Boston in den Süden, einer Sehnsucht fast tschechowschen Ausmaßes folgend, nach Key West, um dort das Hemingway-Haus zu sehen, bringt die Erinnerungen vielfältig zum Leuchten: Ganz plakativ dann, wenn die schwer krebskranke Ella ihrem lieben dementen Mann John mit einem Diaprojektor auf Campingplätzen auf Decken Fotos aus dem früheren Familienleben projiziert und daran arbeitet, dass er sich an Namen erinnert, beispielsweise den seiner eigenen Tochter.

Virzi versteht es, genügend komische Elemente rund um diese Paargeschichte am späten Abend ihres Lebens zu inszenieren. Mit Helen Mirren und Donald Sutherland geben zwei der ganz Großen der Filmbranche dem Paar Gestalt und Emotion. Besonders stark gelingen all jene intimen Momente, die im Wohnmobil spielen. „Es ist so schön, wenn du wieder ganz da bist“, freut sich Ella, spricht den Satz und Johns klare Augen bleiben bei ihr, während sein Geist sich wieder in die Dämmerung seiner Demenz zurückzieht.

Virzi wirft seine Filmgeschichte nicht in die Schublade, die außen damit beschriftet ist, dass das Beste am Schluss kommen soll, sondern er fragt geradezu banal und darin kräftig ins Publikum wirkend, wie dieser Schluss daherkommt. Was bedeutet Würde im Leben? Welche Werte (Erinnerungen) haben für jede und jeden Geltung? Und leuchten sie? Ja, auch ewig auf einem Weg, der uns allen irgendwann bevorsteht: „Das Leuchten der Erinnerung“ macht Kino anno 2018 zum Memento mori. Sehr sehenswert und preisverdächtig!

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Happy birthday, Richard Sennett!

Eine fehlgeschlagene Operation an seiner linken Hand beendete 1962 für den 19-Jährigen eine gewiss aussichtsreiche Karriere als Cellist und Dirigent. Richard Sennett, in Chicago in ärmlichen Verhältnissen geboren, lernte seinen Vater nie kennen, die Mutter sicherte als Sozialarbeiterin die Existenz der kleinen Familie. Beide Eltern waren überzeugte Kommunisten und hatten es deswegen keineswegs leicht, Stichwort McCarthy-Ära. Sennett studierte zuerst in Chicago (bei David Riesman und Erik Erikson), später dann in Harvard (bei Talcott Parsons) Soziologie und Geschichte. Nach seiner Promotion lehrte er in Harvard, Yale, Rom und Washington. Heute arbeitet und lebt er mal westlich, mal östlich des großen Teichs, sprich: in New York und in London.

22 Regalzentimeter Sennett in der privaten Fachbibliothek … und es dürfen gerne noch mehr werden!

Seit jeher kümmert er sich um zwei sozialwissenschaftliche „heiße Eisen“ in seinen Forschungsschwerpunkten, nämlich Arbeit und Raum. Die zur Zeit entstehende Trilogie in diesem Zusammenhang besteht bereits aus einem ersten Band („The Craftsman“, deutsch: „Handwerk“, 2008) und dem zweiten, „Together“ („Zusammenarbeit“, 2012). Sennett beabsichtigt, diese von ihm als „Homo-faber-Trilogie“ titulierte Arbeit mit einem Text über den gegenwärtigen Städtebau abzuschließen.

Sennett hängt weder einer Denkschule an (trotz Studiums bei Strukturfunktionalisten Parsons!), noch hat er eine für sich begründet. Er empfindet Sympathie für die philosophische Tradition eines Pragmatismus:

pragmatism does not mean „practical“ in the strict problem-solving sense. It focuses rather on lived experience, „Erlebnis“ as I think you would say in German; for the sake of being open to new experience, pragmatism dwells less on strategic practice, which perhaps is better expressed in German as „Erfahrung“. Because pragmatism values surprise and curiosity in lived experience, it emphasizes an openness and improvisation in understanding (…) (Richard Sennett: How I Write: Sociology as Literature, Münster 2009,  S. 64)

Sennett versteht es, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in einer klar verständlichen Sprache zu vermitteln. Anlässlich der Verleihung des Gerda Henkel Preises 2008 gab Sennett in vier Punkten Selbstauskunft zum „Handwerk des Schreibens“. Im dritten, den er „Wecken von Interesse“ nennt, definierte er:

Eine andere Methode, um Neugier zu stimulieren, dreht sich um das unausgesprochene Wissen, um Dinge, die wir als selbstverständlich voraussetzen, um das Verhalten, das wir unbewusst an den Tag legen. Der Verfasser von soziologischer Literatur wird mit diesem Element des für selbstverständlich Gehaltenen arbeiten und dem Leser diese Momente nach und nach ins Bewusstsein rufen, indem er aus dem , „was jeder weiß“, etwas macht, was zunehmend irritiert und provoziert. (R.S.: Wie ich schreibe: Soziologie als Literatur, a.a.O., S. 84, ins Deutsche übersetzt durch TransLatio netWork Frankfurt)

Sowohl in seinem Forschungs- als auch in seinem Schreibverständnis finde ich mir in Sennett seit Jahren ein großes (unerreichbares) Vorbild. Heute, am Neujahrstag 2018, feiert Richard Sennett seinen 75. Geburtstag. Happy birthday!

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Geplagt in seinen besten Jahren

Anatol, verloren in der Melancholie seines Räsonierens über sich und der Bindungsangst zum anderen Geschlecht, begegnet in Susanne Lietzows Interpretation des 1893 entstandenen, erst 1910 erstaufgeführten Einakter-Zyklus von Arthur Schnitzler am Landestheater Linz (Oberösterreich) schon zu Beginn in „Anatols Größenwahn“ seinem guten Freund Max. In der Lesart hier erscheint der mehr als ein Kumpel, als Seelenspiegel, und in besagtem Einstieg in den Abend als androgynes Wesen, eine Überblendung quasi jener beider Figuren (Max und eine Frau), die in jedem Einakter die Befindlichkeit des Herrn aus der Stadt (Wien) zu bestimmen suchen.

Christian Taubenheim (Max, links) und Andreas Patton (Anatol) in der Schnitzler-Inszenierung von Susanne Lietzow – Foto: Norbert Artner/Landestheater Linz

Schnitzlers Frühwerk ist Bote aus dem ausklingenden 19. Jahrhundert, Lietzow macht den Protagonisten gut zwanzig Jahre älter, als die literarische Vorlage vorgibt, ein Mittvierziger also, ein Mann in seinen besten Jahren, zugleich auch innerlich geplagt von der midlife-crisis. Andreas Patton gibt diesem eine stattliche Figur, ein markantes Profil und diese etwas verträumte Verlorenheit auf seiner Seelenreise, in der alle Frauenfiguren des Einakter-Zyklus durch ein und dieselbe Schauspielerin interpretiert werden. Als wäre sie die eine Gesuchte fürs Leben, die in den verschiedensten Varianten in Anatols Beziehungsleben ein- und austritt, lebt Martina Spitzer die Nuancen dieser Frauen auf der Bühne, abgeklärt etwa als Berta in „Anatols Größenwahn“, kokett naiv als Cora in der „Frage ans Schicksal“, als Frau von Welt die Gabriele in den „Weihnachtseinkäufen“ oder die Balletttänzerin Annie im „Abschiedssouper“ als herrliche komödiantische Studie.

Dass und wie die Inszenierung mit der zweiten Figur in dieser Ménage-à-trois, dem Freund Max, darauf zu antworten weiß, liegt auch in all dem, was Christian Taubenheim aus der in der literarischen Vorlage so unbestimmten Figur zu machen versteht. Denn, ja, dieser Freund bietet die stützende Schulter für die Melancholie der Titelfigur genauso, wie er diese schallend auslacht, wie er ihr in „Episode“ ihr Vertrauen unterläuft, da sich ihm (im Kimono, eine schöne Reverenz an das Faszinosum ferner Osten für die Gesellschaft in Wien rund um die Wende zum 20. Jahrhundert) Bianca zugeneigt zeigt, während Anatol weder Trennung noch Wiedersehen verschmerzt.

Susanne Lietzow stellt die Einakter in vier Kreissegmente, die reduziert Salonatmosphären pointieren (Ausstattung: Marie-Luise Lichtenthal). Ab und an geht zwischen den Einaktern Gilbert Handler mit seinen ihm so eigenen Arieninterpretationen durchs Szenenbild. Eine betörende Gesamtinterpretation!

Zu meinem Erleben muss ich noch berichten, wie ich zu sitzen gekommen bin: das Bühnenbild lässt zu, dass auf dem geschlossenen Orchestergraben drei Stuhlreihen zusätzlich und also vor der ersten Reihe Parterre angeboten werden. Ich kaufte mir die Karte (Vorstellung am 15.12.) für den mittleren Platz in der dritten Reihe, links außen in der ersten Reihe saß die Souffleuse. Sonst genoss kein Mensch diese privilegierte Nähe, um die Inszenierung zu erleben. Hinter mir dann das andere Publikum, dessen Reaktionen ich natürlich mitbekam, sodass ich nicht vergaß, dass „Anatol“ nicht nur für mich gespielt wurde, obwohl mein Zusehen mir genau diesen Eindruck verschaffte. Auch deswegen ein großartiger Theaterabend!

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Der Schwiegersohnkanzler

Türkisblaue Aussichten in Österreich: was senden/empfangen die Antennen? – Foto: Mila Rathenböck

Jung, schön, gewiss politisch talentiert und vor allem rhetorisch begabt, wenngleich auch das schöne Reden um einen Sachverhalt herum und nicht über diesen schon in seiner Wahlbewegung als Makel erkennbar war, wird Sebastian Kurz als Österreichs Bundeskanzler also jüngster Regierungschef in der Europäischen Union. Wieder einer dieser Superlative, die schön medial anzupreisen wissen, was inhaltlich nicht garantiert ist: das Wirtschaftsmagazin trend fragte darum jüngst, die Grammatik der Alliteration zuliebe biegend: „Kann Kurz Kanzler?“ Wir werden sehen. Zur Stunde können wir weiterhin nur mutmaßen.

Was wissen wir? Er, der im Wahlkampf als mustergültiger Schwiegersohn der Republik aufgetreten ist, der seine Kampagne dramaturgisch fuhr, wie sonst eine TV-Serie funktioniert, also jede Woche ein klitzekleines Häppchen Neuigkeit in einer sonst vorerst einmal als „Erneuerungserzählung“ (Copyright beim Wiener Politikberater Thomas Hofer) angelegten Schablone, kann den Schein gut leben. Die zu Ende gegangenen Koalitionsverhandlungen fügen sich perfekt ins Schema der Illusion. Kein Streit drang nach draußen, fallweise gab’s Überschriften, aus denen die Öffentlichkeit schließen musste, dass die „Zeit für Neues“ eher im Vintage-Stil daherkommen werde. Den Populismus in der Wahlkampfrhetorik, bei beiden Parteien der nun neuen Regierungspartnerschaft, setzt man nun in eine Pragmatik um und dankt einzelnen Lobbys mit dementsprechendem Entgegenkommen. Stichwort: 12-Stunden-Arbeitstag, immerhin eine Forderung von KTM-Geschäftsführer Stefan Pierer, einem Großspender für die Kurz-Wahlbewegung, oder die Abschaffung des Rauchverbots in der Gastronomie, ein Zugeständnis an alle „Tschecherl“ (Branntweinstuben), in denen die ideologische Hoheit bei Alkohol und zigarettendunstgeschwängerter Luft blau im dreifachen Wortsinn bleiben muss.

Österreich bekommt also eine Politik der Veränderung, polarisiert nach jenen Interessen, die sich lautstark artikulieren können. „Fehlentwicklungen“ müssten zurückgenommen werden, erklärt dazu der Parteichef des künftigen Juniorpartners. Es fehlt, so viel ist aus der Minimalversorgung an Botschaften aus den Verhandlungswochen festzuhalten, an einem systemischen Denken mit Zukunftsausrichtung für das ganze Land in seiner Position in Europa. Kurzes Räuspern: das wäre so eine Fehlentwicklung, die dringend zurückgenommen werden müsste, Herr Strache! Von den Freiheitlichen hängen immer noch Plakate herum, die den Parteichef als „Vordenker“ (statt Spätzünder) postulieren. Ja, Wahlkampf ist Lüge! Die „Swimmingpool“-Koalition in Österreich steht weit rechts von der Mitte. Sie „re-formiert“ im Sinn, dass früher alles besser gewesen sei. Dazu zählt wohl auch die Geheimhaltung von Vorhaben über Verhandlungswochen hinweg in einer sonst von transparenter Information dominierten Gesellschaft am Ende des zweiten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert. Folglich wird der soziale Friede im Land riskiert, denn das Schweigen in der Genese von Regierungsprogrammatik duldet der Souverän, von dem die Macht(vergabe) durch Wahlen ausgeht, nicht. Wir wissen natürlich, dass ein Regierungsprogramm Papier in seiner Geduld bemüht. Was drin steht und was tatsächlich wird oder werden kann, hat nicht zwingend einen hohen Deckungsgrad. Kritische Distanz und zivilgesellschaftliche Wachsamkeit und Handlungsbereitschaft werden notwendigerweise zu täglichen Begleitern im Land werden. Allein in der vergangenen Woche habe ich aus Überzeugung und Sorge um eine gelingende Zukunft in Österreich drei (!) Onlinepetitionen unterzeichnen müssen.

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