„Hinter die Zeit“: Wenn es Literatur gelingt, in Fiktion dahinterzukommen

Kirche in Cetviny

Kirche in Cetviny

Wir verließen die Kirche, gingen hinaus in die finstere Nacht und suchten uns im schaukelnden Licht von Stirnlampen den Weg über die grüne Grenze nach Österreich. Auf der Flucht? Die Erfahrung dieses Gehens hat gegenwärtig doppelten Boden, aktuelle Ereignisse geben ihr einen Kontext. Die Erfahrung selbst stammt von einer gemeinsamen Wanderung am 19. September 2015 im Grenzgebiet Oberösterreichs zu Tschechien. Anlass: die Erstpräsentation von Corinna Antelmanns neuem Roman „Hinter die Zeit“. Die Autorin erzählt von der Restauratorin Irina, die eine Kirche im ehemals deutsch besiedelten Grenzgebiet Tschechiens als Arbeitsauftrag annimmt. Mit dem Grenzübertritt begibt sich die Protagonistin in die Vergangenheit. In Visionen entsteht für sie eine Liebe zwischen einem Tschechen und einer Sudetendeutschen, darin dringt Irina tief in die Geschichte ein.

Und plötzlich tauchen die Grabsteine vor Irinas geistigem Auge auf, die Gräber nach 1945, in denen sie womöglich begraben liegen, die Bewohner und Bewohnerinnen des Ortes, die es im Leben nicht mehr zu geben scheint. Ausgerottet von den Nachwirkungen des Krieges wie die kleine Helenka, liegen sie anklagend in ihren Gräbern und lassen sich von der Hilgertová versorgen, denn sie allein überlebte all die verborgenen Blindgänger, die hier in jeder Bodenspalte lauern, die Kirche ausgenommen, dort wagte sich kein Kriegsgerät hinein, sonst hätten die Arbeiter aus Budweis es wohl längst aufgespürt. (S. 93/94)

„Hinter die Zeit“ arbeitet Zerstörung, Vernichtung, Leid, Flucht, Traumata auf, unabhängig vom Ort des Kriegs. Ursprünglich hatte sie ihre Geschichte in Schlesien angesiedelt, erklärte die Autorin in ihrer Einführung. Bei ihren Streifzügen entlang der oberösterreichisch-südböhmischen Grenze entdeckte sie die Kirche in Cetviny (Zettwing), sie ist nicht der authentische Schauplatz des Romans, aber ein Bezugspunkt. Corinna Antelmann übersiedelt Irinas Geschichte nach Tschechien, das Foto der Kirche hängt während der Arbeit am Roman am Computerbildschirm. Cetviny war einst ein blühendes Dorf, an das heute nur noch die restaurierte Kirche erinnert. Die Planierraupen für den Grenzschutz des Sozialismus haben Gebäude und Spuren von Zivilisation begraben. Gut fünfzig Jahre blieb dieses Land von Menschenhand unberührt.

Die Annäherung an diesen Ort im Gehen vermittelt diese Auszeit auch heute noch. Sie ist Meditation, folgt der Protagonistin Irina, schafft Tiefe für das Ergründen von Zusammenhängen, die die Zeit zuzudecken glaubt. Literatur gelingt es, in Fiktion dahinterzukommen. Corinna Antelmanns Roman stellt dafür ein hervorragendes Angebot. „Hinter die Zeit“ ist im Septime Verlag erschienen.

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