Der Kosak steht Kopf

Cold_Case_Theaterkritiken

„Cold Case“-Wand aus einem Workshop „Theaterkritiken schreiben“ am Landestheater Linz

Aus Zeiten, als über die an den Linzer Theatern biennal durchgeführte Schultheaterwoche „Zündstoff“ sogenannte „JungkritikerInnen“ berichteten, stammt eine theaterpädagogische Initiative am Landestheater Linz, in deren Rahmen ich mein Know-How über das Verfassen von Theaterkritiken weitergeben darf. Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren sind eingeladen, aus der Sicht ihrer Generation Theaterproduktionen schriftlich zu reflektieren. Der Workshop selbst ist sogleich praxisbezogen. Mit der Generation 2015 (deren Theaterkritiken sind demnächst hier zu lesen!) besuchte ich am vergangenen Freitagabend den Part 3 des Theatertriptychons „Familienfeste“ von Regisseur Armin Holz in den Kammerspielen. Darin untersucht er aus dem Lot geratene Familienstrukturen und ihre Bewältigungsstrategien: Seine Stückwahl fiel auf Henrik Ibsens „Gespenster“, Virginia Woolffs „Mrs. Dalloway“ und Paul Abrahams Operette „Viktoria und ihr Husar“.

Letztere erfüllt wohl den Charakter eines Satyrspiels zu den psychologischen Analysen der ersten beiden Teile. Die Instrumentierung mit Akkordeon (Paul Schuberth) und Saxophonen (Viktoria Pfeil) stärkt den Jazzcharakter und manches Mal macht der Abend den Eindruck, als hätte man eine alte Schellack aufgelegt, auf der ein Tonabnehmer auch ein wenig herumkratzen darf. Wie eine verwischte Skizze einer Operette (Paul Abraham definierte das Genre ja neu!) wirkt dies, und wenn sich die hier bewusst besetzten Schauspieler, allesamt vorzügliche Sänger, in manchen Szenen puppenhaft automatisiert bewegen, erscheint „Viktoria und ihr Husar“ auch im von Armin Holz unter Mitarbeit von Michael Müller kreierten Bühnenbild wie eine Art Wetterhäuschen-Versuchsanordnung dieser gar sonderbaren Geschichte und ihrer Schauplätze Russland, Japan und Ungarn. Im Kern geht es ja um nicht mehr als eine Dreiecksbeziehung, bei der Viktoria in die Arme ihrer eigentlichen Liebe, des Rittmeisters Stefan Koltay, zurückkehrt.

Ist’s Parodie? Paraphrase? Oder wird einfach die mit Glückseligkeit zugetünchte Operettenwelt so auf den Kopf gestellt, wie am Beginn der Kosak steht, der den Rittmeister und seinen Diener Janczy aus der russischen Gefangenschaft entlässt? Der Abend irritiert, gefällt, verstört zugleich und kippt streng genommen nur deswegen nicht, weil die gewünschte Unschärfe in einer ganz ausgezeichneten darstellerischen Präzision erzeugt wird: Anne Bennent als Viktoria und Klaus Christian Schreiber als Koltay tragen die Inszenierung. Vorzüglich auch die „Buffo-Paare“ von Valerie Koch als O Lia San und Oliver Urbanski als Graf Ferry und – mir persönlich in ihrem Esprit noch sympathischer – Anna Eger als Riquette und Peter Pertusini als Janczy.

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