Ein neuer Sonnenaufgang

Die Luft, die wir atmen, ist nach einer Silvesternacht kaum anders. Auch sonst messen wir zu Neujahr in der Faktenwelt der Natur wenig Veränderung. Der Jahreswechsel, auch wenn da nur die Einerstelle der Zählung eins höher klettert, bedeutet mehr für das subjektive Zeitempfinden. Der Mensch spürt Vergangenheit und Zukunft im Moment. Er lässt zurück, bricht auf. Es ist eine künstliche Zäsur, ein Neustart, gern befrachtet mit nicht immer ins Handeln gebrachten Willensäußerungen der Veränderung (den Vorsätzen!). Im Handlungsrahmen des Alltags des Individuums funktionieren Zeitfenster, die wir schließen oder öffnen, ganz gut. Wir erkennen, dass wir aus Zeitphasen auch aktiv handelnd aussteigen können oder müssen, wenn uns Unliebsames widerfahren ist, und gehen schon einmal viel früher zu Bett, um missliche Ereignisse eines Tags durch die schützende, im Schlaf Erholung und Stärkung bietende Nacht zu verdrängen. Mit dem Sonnenaufgang erscheint alles in neuem, in anderem Licht.

SonnenaufgangDie Zeit als ein wesentlicher Faktor der bzw. zur Veränderung gewinnt zunehmend an Bedeutung. In vielen dringend zu lösenden Angelegenheiten läuft Zeit ab: Gesundheitswesen, Klimawandel, die neue globale Migrationsbewegung, Pensionssicherung, Bildungsreform, Verwaltungsvereinfachung, … diese Aufzählung bietet natürlich keine Vollständigkeit, die Liste ist viel länger!

In der Soziologie gibt es den Begriff der Zeitvertiefung, er definiert das Ausmaß, in dem innerhalb einer Zeiteinheit mehrere Aktivitäten gleichzeitig und mit einiger Kompetenz ausgeübt werden können. Zeitvertiefung heute bedeutet eine Neudefinition des Verhältnisses des wertmäßigen Zeitbestands zu den zu lösenden Aufgaben, kurzum eine Verdichtung notwendiger konkreter Schritte zur Veränderung. Wer Wandel nur postuliert, bleibt in der Vergangenheit. Die Zeit der Entsicherung – Max Weber würde „Entzauberung“ sagen – von vermeintlich dem Gemeinwohl gütigen Handlungsroutinen ist längst angebrochen und braucht kluge reflektierte Köpfe, und zwar die besten. Wir finden diese nicht zwingend unter jenen Akteuren, die das Volk mittels Vertretungsbefugnis mit dem Auftrag zu handeln ausgestattet hat. Politiker beschäftigen sich mit einem auf die eigene Existenz und Erwerbssicherheit konzentrierten Rollenbild und definieren ihre politische Aufgabe als „Job“. Eine demokratische Wahl erscheint dann schon einmal als nichts anderes als eine Neuordnung des Politiker-Arbeitsmarkts. Das bringt uns nicht weiter, es kostet Zeit. Nichts ist so unwiederbringlich wie das Zeitbudget. Verbraucht ist verbraucht, verloren verloren, vergeudet vergeudet. Mit Zeitvertiefung, die durch produktive Zusammenarbeit erzeugt wird, lässt sich gegensteuern. Couragierte Bürgerinnen und Bürger zeigen das vor, sie übernehmen Verantwortung für gesellschaftliche Prozesse und handeln innerhalb des gesetzlichen Rahmens. Es geht! Die bisherige Bewältigung der Flüchtlingsbewegung, vor allem bei Blick auf Betreuungssituationen in den Gemeinden (z.B. die Initiativen „Willkommen Mensch!“), belegt das. Und statuiert ein Exempel. Das stelle ich ins Licht des ersten Sonnenaufgangs im Jahr 2016.

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