Das Aufsteiger-Syndrom

Peter Wittenberg holt in seiner Inszenierung von Johann Nestroys „Der Talisman“ für das Landestheater Linz dessen ganze Schärfe hervor: der Rebell Titus Feuerfuchs enthüllt während seines rasanten Aufstiegs kraft Talismans, einer Perücke, die das Stigma seiner Person – rotes Haar – temporär unsichtbar werden lässt, seine Verlogenheit. Er steht nicht zu sich, nutzt billige Camouflage, blendet die ehrliche Zuneigung (einer feministisch-kämpferischen Salome Pockerl von Katharina Wawrik) aus und greift nach jenem Himmel, der im Theater „Off“ heißt und in Florian Parbs´ Bühnenraum mittels einer großen Karriereleiter im Schnürboden der Kammerspiele erklettert werden kann. Das funktioniert freilich bestens, weil all jene, die sich diesen Titus amourös und geschäftlich eiligst zunutze zu machen wissen, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Marquis (Peter Pertusini) und Titus Feuerfuchs (Stefan Leonhardsberger) - Foto: Christian Brachwitz/Landestheater Linz

Marquis (Peter Pertusini) und Titus Feuerfuchs (Stefan Leonhardsberger) – Foto: Christian Brachwitz/Landestheater Linz

Durchtrieben und falsch agieren sie alle: Als „Marquis“ nichts weiter als ein simpler Friseur, der im französischen Namen nach Adelshöhenluft ringt, wirft Peter Pertusini in einem Schminkkoffer das titelgebende Objekt ins Geschehen. Stefan Matousch schlurft den Gärtnergehilfen Plutzerkern im herrlich scheußlich cremefarbigen Jogginganzugs mit fetter Goldkette. Dass die zarte Röte eines Sonnenbrands auf dem Dekolleté, das Flora Baumscheer (Gunda Schanderer) bei Titus´ Anblick mit raschem Griff an die züchtig geschlossene Gärtnerinnenschürze freilegt, nicht echt sein kann, fügt sich ins Szenario der Falsch- und Verlogenheiten. Wittenberg steigert es und landet den absoluten Coup, in dem er Frau von Cypressenburg mit einem Mann besetzt und dem Publikum ein Travestie-Gustostück von Stefan Matousch beschert. Auch Kammerfrau Constantia (Barbara Novotny) und Emma (Claudia Waldherr) betreiben ihre eigenen Interessen. Matthias Hacker vermittelt als Knecht, Herr von Platt oder Notar.

Zusammen zeigen sie, wie sich Gesellschaft heute an kleinen Äußerlichkeiten festbeißt und der Höhenflug eines beliebigen „bunten Hundes“ vor sich geht, so lange eben nur für alle beteiligten Intriganten das eigene Ansehen und vor allem die Kasse stimmen. So wird die Posse des Altwiener Volkstheaters zum Parabelstück. Die Couplets kommen wie Protestsongs über die Bühnenrampe, mit Akkordeon, Tuba und E-Gitarre erstklassig arrangiert, Paul Klambauer textete dafür neu. Und wenn Titus selbst zur Gitarre greift, um kräftige Akkorde zu schlagen, weil die Zeit „a Luder is´“, erlebt man das Kraftzentrum dieser Inszenierung: es ist Stefan Leonhardsberger in der Titelrolle, ein Schauspieler, Musiker und Kabarettist, ein Vollblutbühnenmensch, ein Verführer, einer, der mit seinem Körper spricht, wenn er sich in der Szene, bevor ihm der Marquis die künstliche schwarze Lockenpracht vom Paprikarot seines Kopfs zieht, auf der Suche nach einer Schlafposition um die Leiter windet. Es sind zugleich vergebliche Versuche, sich an der Karriere festzuklammern. Die zuckende Unruhe wird zum Vorboten der Enthüllung und zur Rückkopplung zu dem, was dieser Titus Feuerfuchs eigentlich will: dieser (unserer) durchtriebenen Gesellschaft den Spiegel vorhalten.

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