Alles im Leben ist Fiktion

Eine Versuchsanordnung wie bei einem Verhör: Aus jeder Ecke beleuchtet eine überdimensionierte Schreibtischlampe das Teppichbodenrechteck der Spielfläche. Da sitzen acht Figuren beisammen, Mitarbeiter eines Supermarkts – falsch, nun anteilig Mitbesitzer dieses und drei weiterer Betriebe, die der despotische Inhaber Blocq ihnen überschrieben hat, denn der Unternehmer ist todkrank.

An zwei Herausforderungen scheitern die acht: Zum einen, diese Unternehmen wollen geführt werden. Wäre da nicht noch der Wunsch des Sterbenden, dass die neuen Eigentümer ihm in einem jährlich aufzuführenden Theaterstück ein Andenken wahren sollen, so spiegelte sich die Inkompetenz der Belegschaft ausschließlich im Changieren zwischen den Rollen, zugleich Arbeitgeber und -nehmer zu sein. Es ist eine bunte Gruppe Menschen, die sich der französische Autor Joël Pommerat für sein Stück „Mein Kühlraum“ (deutsch von Isabelle Rivoal) hat einfallen lassen: die beiden Lagerverwalter haben sprachliche Handicaps. Bertrand (Aurel von Arx) stottert, Chi (Thomas Bammer) spricht gänzlich unverständlich. Gemütlich saturierte Mitarbeiter wie Jean-Pierre (Thomas Kasten) oder Alain (Lutz Zeidler) suchen den eigenen Vorteil oder brausen nur auf. Die Kassiererin Natalie (Bettina Buchholz) ist selbst mit einfachsten strategischen Gedankenzügen überfordert, ihre Kollegin Claudie (Katharina Hoffmann), zugleich auch Erzählerin im Stück, schützt sich durch Sturheit. Die Hauptbuchhalterin Adeline (Eva-Maria Aichner), vormals doch irgendwie rechte Hand des Eigentümers, rutscht aus diesem Status. Mittendrin erscheint als selbstloses fragiles Engelswesen Estelle, die Putzfrau des Supermarkts. Nicht nur als hilfreicher Geist, sondern auch als leicht zu gängelndes Opfer für Ausbeutermentalitäten hält sie dieses Grüppchen zusammen. In ihr schlummert viel, die Liebe zum abgedankten Inhabertyrannen genauso wie ein aggressives Alter-Ego, wenn sie als ihr Bruder auftritt. Denn diese Figur bewegt sich knapp am Rand zur eskalierenden Gewalttat und erteilt Lektionen, denen zufolge die sieben bei Lösungsdruck unverzüglich seine starke Hand fordern.

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Diese Lektion in Gewalt führt später zum Wunsch nach der starken Hand: Ensembleszene aus „Mein Kühlraum“ – Foto: Patrick Pfeiffer/Landestheater Linz

Das mag ich persönlich an Pommerats Dramen: simple dramaturgische Kniffe artikulieren Gesellschaftskritik! Hilf- und chancenlos sind wir einem kaputten kapitalistischen System ausgeliefert, aus dem sich die Despoten – vielleicht sogar daran todkrank geworden – plötzlich zurückziehen und für den unaufarbeitbaren Schaden sogar noch Dank und Anerkennung verlangen. Wen wundert’s also, dass der im Sterben liegende Blocq (Vasilij Sotke) von Estelle besucht wird, ihre Liebeszuneigung nicht hören will, sondern sich den Besuch des aus dem System gewachsenen gewaltbereiten Bruders wünscht?

Gerhard Willert, der scheidende Schauspieldirektor des Landestheaters Linz, schließt mit dieser Inszenierung jene Serie ab, mit der er uns über Saisonen hinweg französische Gegenwartsdramatik näher gebracht hat. Auch in „Mein Kühlraum“ erzählt Pommerat in zig kurzen Szenen, zeitweise nicht länger als ein paar Sekunden. Dies erfolgt in höchster Präzisionsarbeit durch das Ensemble und durch hilfreiche Geister, die in den kurzen Blacks umbauen. Zusammengehalten wird das Ganze neben den Auftritten der Erzählerin durch musikalische Nähte, mit denen der versierte Sounddesigner Wolfgang „Fadi“ Dorninger die Szenen verbindet. Und durch Anna Eger in der Rolle der Estelle, deren famose Leistung beim Schlussapplaus selbst von ihren Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne beklatscht wird!

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