Ein Hochamt auf das Leben

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„Wanda“ am 5.2.2016 in der Anstaltskirche der Justizanstalt Garsten (Oberösterreich)

Bis September bespielt „Wanda“, die fünfköpfige Popmusikformation aus Wien und wohl das Vorzeigeprojekt der gegenwärtigen österreichischen Musikszene, die großen Konzertbühnen deutschsprachiger Lande. Und viele Termine weist der Tourneekalender bereits als ausverkauft aus.

Das galt auch für jenen in der Anstaltskirche der Justizanstalt Garsten im oberösterreichischen Ennstal. In dieser, einem ehemaligen Benediktinerkloster, sitzen schwere Jungs ihre Haftstrafen ab. Seit einigen Jahren bringt die Kulturinitiative „drinnen-draußen“ Leben hinter die Mauern. Das Konzept sieht vor, dass zu Mittag ein Konzert für die Strafgefangenen, am Abend dann eines für die interessierte Öffentlichkeit gegeben wird. Die Verbindung zwischen den beiden Publika entsteht durch den Ort, die Performance, das Ambiente, die Atmosphäre.

In diesem Fall also: ein Hochamt auf das Leben, die Liebe, den Rausch in einem sakralen Raum, der sich dafür in seinem Charakter zu einem Club gewandelt hat. Für 450 Konzertbesucher ziehen die fünf von „Wanda“ in einem knapp einstündigen Set, mit drei Zugaben um eine weitere Viertelstunde verlängert, durch ihr Oeuvre. Der Stern ging vor knapp eineinhalb Jahren auf. Ich entdeckte sie im Herbst 2014 für mich über ihren Song „Auseinandergehen ist schwer“. Aus der stets experimentierfreudigen Radio-Community von FM4 pushte sich das Quintett mit einprägsamen Reimen und lebensnahen Geschichten mit einem zwischen Fröhlichkeit und Melancholie changierendem Anstrich in die Herzen der Österreicher. Ja, diese Texte nähren sich aus der österreichischen Dichtung, haben die kämpferische Widerborstigkeit eines Couplets, einen Schuss Wiener Gruppe, einen Paten namens Falco und eine Großelternschaft in den Austropop-Pionieren einer Marianne Mendt, eines Wolfgang Ambros oder Ludwig Hirsch. Die Texte von „Wanda“ sprechen aus und zu uns, darum beherrschen wir sie auch alle und singen sie kräftig mit: „Bologna“, „Schick mir die Post“, „Meine beiden Schwestern“, Bussi Baby“, „1, 2, 3, 4“, und wie sie alle heißen. Noch dazu kommen sie auf einem flächigen Gitarren-Bass-Indie-Soundteppich daher, der so ganz individuell geknüpft ist: Welcher Formation gelingt heute noch, sich mit den ersten Akkorden eines Songs unverwechselbar zu autorisieren? Antwort: „Wanda“. Danke für einen eruptiv kraftvollen Abend! Bussi „Wanda“!

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