Wie umgehen mit diesem Überschuss an Realität?

CIMG0494In meiner Bibliothek findet sich ein schmaler, schlicht gestalteter Band, in dem Verleger Peter Engelmann 2002 verdienstvoll Positionen des Franzosen Jean Baudrillard (1929-2007) in Folge von 9/11 einer Leserschaft zugänglich machte. Angesichts der aktuellen Ereignisse, jüngst in Brüssel, vor vier Monaten in Paris, zur Hand genommen, lesen sich Baudrillards Analysen beklemmend, denn in ihnen zeigte er bereits vor 14 (!) Jahren, was er in Anlehnung an das Wort von Marx vom umgehenden Gespenst in Europa namens Kommunismus als Gespenst der globalen Weltordnung definierte:

Wenn das Anliegen der Terroristen darauf aus wäre, den Staat zu destabilisieren, dann ist es Unsinn: Da dieser beziehungsweise die Weltordnung bereits Quelle einer ungeahnten Unordnung und Deregulierung sind, ist es unsinnig, das noch übertrumpfen zu wollen. Es ist sogar riskant, durch zusätzliche Unordnung die Kontrolle des Staats zu verstärken, wie man es heutzutage überall in der Einführung neuer Abschreckungsmaßnahmen vor sich gehen sieht. Darin liegt vielleicht der Traum des Terroristen – sie träumen von einem unsterblichen Feind. Wenn er nicht mehr existiert, wird es viel schwieriger, ihn zu zerstören. Das klingt tautologisch, aber der Terrorismus ist tautologisch und seine Schlussfolgerung ist eine Art paradoxer Syllogismus: Wenn der Staat tatsächlich existierte, verliehe er dem Terrorismus einen politischen Sinn. Da dieser aber offensichtlich keinen hat (seine Konsequenzen sind null oder utopisch), ist das der Beweis, dass der Staat nicht existiert. Das ist eine Art, das virtuelle Ende des Politischen und dessen parodistische Inszenierung zu erhellen. (1)

Und später heißt es in diesem Text, der auf einem Vortrag basiert, den Baudrillard im Frühjahr 2002 in Wien gehalten hat:

In dem schwindelerregenden Zyklus des unmöglichen Tausches des Todes ist der des Terroristen ein infinitesimal kleiner Punkt, der gleichwohl eine mächtige Attraktion ausübt. Rund um diesen winzigen Punkt verdichtet sich das gesamte System des Realen und der Macht, es überstürzt sich in seine eigene Effizienz. Die Taktik des terroristischen Modells liegt darin, einen Überschuss an Realität zu erzeugen und das System unter diesem Überschuss an Realität zusammenbrechen zu lassen. (2)

Dagegen möge wirken, dass wir einen Umgang mit den eruptiven Momenten überschießender Realität erlernen. Zahlreiche Kommentatoren fordern dies in diesen Tagen wiederum ein. Dazu gehört meiner Meinung nach auch, dass Medien, vorrangig die Funkmedien – wohlgemerkt bei aller Informationspflicht, bei allem öffentlichen Interesse, bei aller Betroffenheit! – eine Berichterstattung entwickeln, die nicht dem Terror darin zuarbeitet, ihm in endlosen „loops“ der gleichen Bilder und „Sondersendungen“ Platz und Aufmerksamkeit in Übermaß zu geben. Ich weiß, dass das schwierig ist. Aber vielleicht wäre es ein Anfang.

(1) Jean Baudrillard: Die Gewalt des Globalen. Aus dem Französischen von Michaela Ott. In: J.B., Der Geist des Terrorismus, Wien 2002. S. 58-59.

(2) A.a.O., S. 60.

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