„Sie mögen Kinder nicht, die Augenbrauen haben wie du“

CIMG0499In der „Leipziger Buchnacht“ (19. März 2016 auf 3sat) schob Michael Köhlmeier von sich, mit seiner jüngsten Erzählung „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ als Literat das Zeitgeschehen zu kommentieren. Für politisch-didaktisches Wirken fänden sich allemal andere, bessere Textsorten. Dass sein Text eine Passung zur Gegenwart zeige, als wäre diese konstruiert, stritt er nicht ab.

Köhlmeier erzählt: behutsam, linear, unaufgeregt und darin so einnehmend. Seinen Ausgangspunkt bot eine Beobachtung, Jahre her. Auf dem Wiener Naschmarkt sah er ein Mädchen, ohne sichtbaren Bezug zu einem Erwachsenen. Köhlmeier umgarnte es mit seiner Fantasie und verwandelte es in seine Hauptfigur. Ausgestoßen in eine Welt und darin auf sich allein gestellt, weiß es nur um den Klang des Worts „Polizei“ und wurde belehrt, daraufhin wild zu schreien. Zuerst namenlos, wird Yiza dann Teil einer kleinen Kindergruppe. Zu dritt, jedes Kind nicht der Sprache der anderen mächtig, kämpfen sie in einer saturierten Gesellschaft um ihr Überleben, in der Erwachsene auch seltsame Formen von Hilfsbereitschaft leben, entweder um sich nach guter Tat besänftigt zu distanzieren oder um sich mit dem Schicksal der Kinder eine Sehnsucht zu erfüllen. Darum erscheint der Fingerhut, mit dem das Mädchen seinen verletzten Daumen schützt, wie ein Symbol in einer Novelle: ein metallisch glänzender schöner Schutz über einer eitrigen Wunde unserer Gesellschaft.

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