Weckruf

20160430_160333Der Maiaufmarsch erscheint mir schon seit einigen Jahren als lästiger Anachronismus. Welche Rechte fordert die arbeitende Bevölkerung noch auf der Straße ein? Soziale Wohlfahrt scheint erreicht und gesichert: Wenn sie angegriffen wird, auch von jenen politischen Kräften, die die Vertretung des „kleinen Mannes“ in der Gegenwart für sich beanspruchen, steht längst niemand mehr auf.

Die Macht über die Beschäftigungssituation liegt nicht mehr in den Händen der Politik, sondern in denen der wirtschaftlichen Eliten in ihren Unternehmenszentralen, die weltweit agieren und unter Rationalisierungsmaßnahmen Entlassungen, bestenfalls noch Transfer von Arbeitsplätzen in Länder weit abseits errungener Dienstnehmerrechte, verstehen.

Auch Rekordarbeitslosenzahlen werden durch Kundgebungen nicht gesenkt. Darum ist für mich der Maiaufmarsch nur noch antiquiertes Brauchtum, Tradition im Sinne einer Anbetung von Asche, eine leere Inszenierung, die sich heuer in Österreich – eine Woche nach dem ersten Wahlgang für einen neuen Bundespräsidenten – bei jener Bewegung, der der 1. Mai ein hoher Feiertag ist, noch abstruser ausnimmt. Denken die, die von Tribünen jene grüßen, die vor ihnen vorbeiziehen, daran, dass die, die ihnen das Aufmarschbrauchtum vorleben, am vergangenen Sonntag ihr Kreuz nicht beim Kandidaten der eigenen Bewegung, sondern sehr wahrscheinlich bei dem der freiheitlichen Partei gesetzt haben? Oder nützt die Tribünenbelegschaft das Ritual, um sich neuerlich in der eigenen Strategie bestätigt zu fühlen? Immerhin ließen die Sozialdemokraten für ihren weit abgeschlagenen Kandidaten schon vor dem Ergebnis des ersten Wahlgangs Plakate für die Stichwahl drucken. Die Realitätsferne dokumentierte sich auch im dafür gewählten Slogan: „Mit Sicherheit“ hätte die Stimme dem eigenen Kandidaten gegeben werden sollen.

Der Weckruf der Blasmusikkapellen am 1. Mai 2016 ertönt symbolisch für eine Veränderung, überfällig seit Jahren. Veränderung braucht Leidensdruck. Dieser sollte jetzt groß genug sein.

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