Das Nomadische in uns

Am Weißensee in Kärnten wird im Sommer 2016 ein Gast für 70 Jahre (!) Aufenthalt im Seehaus Winkler geehrt: Erika Lison aus Kirchdorf am Inn (ob das oberösterreichische oder das deutsche, ließ die Gäste-Informationsbroschüre leider offen!). Siebzig Mal zumindest ein Aufenthalt im Sommer am gleichen Ort und im gleichen Haus! Ich darf und will der Jubilarin nicht zu nahe treten. Aber mit der Annahme, dass Urlaub seit 1946 stets ans gleiche Ziel führt, verbindet sich doch auch die Reflexion, dass der jährliche Tapetenwechsel von Kirchdorf am Inn an den höchst gelegenen Badesee Österreichs Routine geworden sein mag.

CIMG0660Urlaub weckt in uns ja das Nomadische. Wir verlassen den Ort unserer Sesshaftigkeit, nehmen – in der Regel (dieser Einschub gilt allen Gepäckslogistikern in Familien, die Stauräume in Autos supra-optimiert zu nutzen wissen) – nur mit, was wir unmittelbar benötigen, und versuchen an einem anderen Ort (in einer anderen Kultur) eine Form von „Survival“. Wir assimilieren uns auf Zeit und bestimmen die Intensität dieses sozialen Handelns, „welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (Max Weber) in Abstufungen, je nach Lust, Laune und Bereitschaft. Wir sind dabei, anders als die Nomaden, nicht auf unser ökonomisches Vorankommen angewiesen, sondern sichern uns unsere Existenz aus erwirtschaftetem Überschuss. Wir spielen zumindest in Gedanken dann und wann mit der Option, was wäre, wenn wir die vertraute Sesshaftigkeit mit einer neuen, hier, tauschen: „Irgendwann bleib´ i´ dann durt, lass´ alles lieg´n und steh´n, geh´ von daham für immer furt“, hieß es im Lied der steirischen Formation „STS“.

Das Nomadische in uns lebt heute vom Kapitalismus, was zu Phänomenen führt, die dem Nomadischen als freigeistige, offene Haltung für ein neues Handeln an sich zusetzen. Die folgende Beobachtung stammt aus Kroatien (mit Dank für den Bericht an Sigrid Ankowitsch): Auf Campingplätzen wird üblich, dass Stellplätze weit voraus (zumeist ein Jahr) gebucht werden. So ein Wohnwagen will einen Sommer später auf exakt demselben Platz aufgestellt werden, kein Meter Abweichung wird geduldet. Das Zusammenwürfeln von Nachbarschaften auf kurze Zeit, wenn sich Wohnwägen, -mobile, Zelte zueinander arrangieren, das Genuine schlechthin eines Campingurlaubs, geht verloren. Der Absicherungseifer ist Ausdruck eines Kulturerhalts, einer neuen Form von (Teilzeit)Sesshaftigkeit in Projektion jenes Lebensstils, den man für seine Auszeit eigentlich verlassen wollte. Der Nomade des Kapitalismus verharrt in seinen Handlungsroutinen.

Zurück zu Frau Lison: die regelmäßige Wiederkehr an den Weißensee über so lange Zeit hat natürlich die Wurzel in einer wirtschaftlichen Situation der Nachkriegszeit, in der zu verreisen keineswegs selbstverständlich, geschweige denn leicht und organisatorisch wie finanziell aufwändig war. Insofern mag die Ehrung auch spiegeln, wie ein Mensch einem Ort seines temporären Eskapismus auch symbolisch verbunden ist. Ich weiß aus der Gäste-Information auch nur dieses Faktum und nichts weiter, schon gar nicht, an wie vielen verschiedenen Orten der Welt über den Weißensee hinaus Frau Lison das Nomadische in sich bereits zum Leben gebracht hat.

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2 Gedanken zu „Das Nomadische in uns

  1. Walter Deil sagt:

    So ein schöner Text, lieber Peter. So richtig passend zu einem lauen Sommerabend. Ich nomadisiere jetzt Richtung Kühlschrank, werde ein Freistädter Biozwickl öffnen und auf Frau Lison trinken.

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