Leni Riefenstahls „Olympia“

"Screen-Shot" eines langen Fernsehabends zum Thema Sport und Propaganda

„Screen-Shot“ eines langen Fernsehabends zum Thema Sport und Propaganda

Am Tag eins der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio präsentierte ORFIII (6.8.2015 ab 20:15 Uhr) einen Themenabend zu Sport und Propaganda. In diesem Zusammenhang zeigte man erstmals in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehen beide Teile der Dokumentation „Olympia“ von Leni Riefenstahl. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ließ 2008 „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ restaurieren. Den Anlass dazu bot das 70-Jahr-Jubiläum der beiden Filme, für die Riefenstahl mit ihrem Team (Historiker bemessen dessen Größe mit 300 Personen) 1936 bei den Spielen in Berlin Unmengen Material drehte. Am 20. April 1938 feierten die Filme ihre Premiere. Sportwissenschaftler Rudolf Müllner von der Universität Wien, als einer unter mehreren Experten, die der ORF wieder und wieder in Unterbrechungen zu analytischen und reflektierenden Statements zu Wort kommen ließ, verwies auf die Paradoxie des eigentlich unsportlichen Führers und seiner Huldigung selbst noch mit der Premiere an seinem Geburtstag. Mit den Interviewpartnern im Dunkel, nur Kopf und Oberkörper in einer Art Verhörlicht, das allerdings ein das Sprechen unterstützendes Gestikulieren mit den Armen kaum mehr erfasste, erfüllte ORFIII vorbildlich den Kultur- und Bildungsauftrag: Die Fachkommentare aus unterschiedlichen Disziplinen (Geschichte, Filmgeschichte, Kommunikationswissenschaft, Sportwissenschaft, Soziologie) lenkten die Aufmerksamkeit auf Details, zeigten die subtilen Korrelationen mit der Ideologie des Nationalsozialismus auf, die die Filmemacherin setzte, wenngleich sie sich ein Leben lang, wie so viele in ihrer Branche, die mitgeholfen hatten, den Film als Propagandamittel zu perfektionieren, davon distanzierte.

Den Rezipienten heute beklemmt diese Reise in die Geschichte. In einer Dokumentation vorab wurden die Spiele 1936 als jene kodiert, die bahnbrechend für den Begriff der modernen olympischen Spiele der Gegenwart geworden sind. Nicht nur die Innovationen im Schnitt und in der Kameraführung Riefenstahls, die man auch bei aktuellen Sportübertragungen kennt, beispielsweise kleine Kameras am Körper der Athleten (bei Riefenstahl bei den Marathonläufern), auch der Umstand der „Säuberung“ an Wettkampfstätten zuvor (1936 die Sinti und Roma in Berlin, 2016 die Favelas in Rio) geben genug Anlass, über die Rolle von IOC, Machtverhältnissen an Durchführungsorten und ihren Auswirkungen nachzudenken.

Ich hielt den Themenabend ab 20:15 Uhr bis 1:00 Uhr früh durch. Er war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Ende, aber ich hatte einfach genug.

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