Mit der „Grottenbahn“ nach Kolaśin

Nur wer steht, kommt in den vollen Genuss des Train-Movies auf dem Weg von Podgorica nach Kolasin

Nur wer steht, kommt in den vollen Genuss des Train-Movies auf dem Weg von Podgorica nach Kolasin

Weil von Belgrad keine direkte Verkehrsverbindung an die Adriaküste bestand, ließ Jugoslawiens langjähriger diktatorischer Staatschef Josip Broz Tito in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Bahnlinie nach Bar (Montenegro) errichten. Dieses außerordentlich herausfordernde Unterfangen – denn immerhin galt es eine Eisenbahntrasse durch jenes Küstengebirge zu schlagen, das die Hauptwasserscheide am Balkan bildet – erscheint heute wie ein gewaltiges Denkmal für das Eisenbahnbauwesen. 121 Tunnel wurden gebohrt, unzählige Brücken errichtet, um Täler und Schluchten zu überqueren, darunter die über die Mala Rjeka, Europas höchste Eisenbahnbrücke, eine Stahlkonstruktion auf Betonpfeilern, über die sich der Zug aus Sicherheitsgründen im Schritttempo schiebt.

Die Fahrt selbst, konkret von der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica bis nach Kolaśin, erscheint wie eine Grottenbahnfahrt. Für dieses Kernstück von knapp 40 Kilometern braucht die Bahn rund eineinhalb Stunden. Sie verschwindet wieder und wieder in Tunnels, um danach, stets zur Linken, einen neuen betörenden Ausblick in die Landschaft preiszugeben.

Europas höchste Eisenbahnbrücke

Europas höchste Eisenbahnbrücke

Verlässt man zuerst einmal die Ebene der Hauptstadt, wachsen die Karsthänge gegenüber langsam an und die Moraća scheint sich Meter für Meter, den man vorankommt, immer tiefer in das Tal hineinzuschneiden. Dunkel! Es wird wieder hell: das Landschaftsbild hat gewechselt, als ob während des „Blackouts“ der Bahn im Bergdurchstich fleißige Bühnenbildarbeiter draußen für den Umbau gesorgt haben. Nun also ein Alm-Ambiente, dichter Wald, saftig grüne Wiesen und vereinzelte Hütten. Wieder Tunnel, dann wieder ein neues Landschaftsbild. Steigt man in Kolaśin aus, hat man in Titos Gebirgsbahn 909 Höhenmeter auf Schienen absolviert. Sitzplätze in den wenigen Abteilwägen sind Mangelware, vor allem weil auch die beiden Schaffner auf ihr sechssitziges Dienstabteil bestehen, für den Konsum der einen oder anderen Zigarette zwischendurch, die trotz Nichtraucherzeichen an den Waggontüren genossen wird. Stehen im Gang ist ohnedies besser, nur so kann man das Train-Movie genießen, das Technik und Landschaft im Wechselspiel für einen inszenieren.

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