Theater im Zeitalter seiner fernsehtechnischen Realisierbarkeit

"Screenshot" in meinem Wohnzimmer: Laurence Rupp als Karl Moor und Schauspielstudierende des Mozarteums Salzburg spielen den "Räuber"-Live-Film auf ServusTV

„Screenshot“ in meinem Wohnzimmer: Laurence Rupp als Karl Moor und Schauspielstudierende des Mozarteums Salzburg spielen den „Räuber“-Live-Film auf ServusTV

Wie’s geht, erklärt der überdreht wie ein Showmaster agierende Spiegelberg-Darsteller Nico Ehrenteit gleich zu Beginn. Somit bleibt die Aufmerksamkeit dann dort, wo sie hingehört: Bei den „Räubern“, in diesem Fall nach Friedrich Schiller, denn Regisseur Matthias Hartmann stellt das Schauspiel, 1782 in Mannheim uraufgeführt, auf die Bühne des Salzburger Landestheaters, um es dort als live erzeugten Film zu erzählen. ServusTV gestaltete damit am 10.9.2016 sein Hauptabendprogramm. Mittels „green screen“ verwandeln sich die Räume, treten auch Figuren in vorab gedrehten Szenen ins Geschehen und in Interaktion, sie sind gar nicht live vor Ort, Friedrich von Thun als alter Moor, Tobias Moretti als Pastor und – ganz famos – Harald Serafin als Diener Daniel. Das Ensemble spielt mit stetem unauffälligen Blick auf den Boden, der kurze Kamera-Schwenk zu Beginn zeigt, wie dicht der mit bunten Klebestreifen, den Markierungen, übersät ist. Die Schauspieler müssen punktgenau stehen, sonst haben die vier Kameraleute große Probleme.

Schillers Sturm-und-Drang-Monstrum, sonst gut und gern mit mindestens drei Stunden theaterabendfüllend, will so im fernsehkompatiblen 90-Minuten-Format erzählt werden (es wurden 105 daraus; ja, der Schluss hatte Längen!). Es geht um Gut und Böse, um die Intrige von Franz, „heißt die Kanaille“, gegen den Bruder. Der zieht mit den Kommilitonen in die böhmischen Wälder, sie werden Räuber, spalten sich, Karl mit seinen Anhängern ist mehr der Robin Hood, Spiegelberg der brandschatzende Outlaw. Zu Hause, vor dem eingeblendeten Hintergrund von Schloss Leopoldskron, müht sich Franz um die Zuneigung von Amalia (Coco König). Szenen erscheinen manchmal von Zeichnerhand, wie in einem Gerichtssaal, illustriert. Die Schauspieler behandeln ihre Rollen, als spielten sie im epischen Theater. Eventuelle Entwicklungen lassen sich durch filmische Vision in Bilder umsetzen, das Ende von Franz und Karl wird von ihren beiden Darstellern, Emanuel Fellmer und Laurence Rupp, diskutiert.

Hartmanns Experiment räumt auf mit den abgefilmten Theaterabenden. Es zeigt, Schillers Sprache wahrend, wie ein Stoff brisant präsent gemacht werden kann, welche Inszenierungsdimensionen die Bildtechnik des Fernsehens öffnet, was Musik (Parviz Mir-Ali) an Emotionen beisteuert. Mit dem Rap „Ich habe keinen Vater mehr, keine Liebe mehr“ fahren die Räuber in den Wald. Die Close-Ups der Protagonisten, in denen sie individuelle Nähe mit dem Zuschauer vorm Flachbildschirm in seinem Wohnzimmer erzeugen, wirken wie Referenzen zu jenen Auftritten von YouTubern, die sich mit Botschaften an ihr weltweites Publikum wenden. Nicht nur deswegen empfiehlt sich diese „Räuber“-Fassung als Friedrich-Schiller-„Einstiegsdroge“ für Jugendliche heute. Meint der Deutschlehrer in mir. Ich hoffe, es gibt eine DVD davon. Am 2.und 3.10.2016 gastiert die Produktion beim 8. Hamburger Theaterfestival, am 18. und 19.10.2016 im Volkstheater Wien.

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