Alle dürfen aufdecken

Sich bücken und tun, was auf der schwarz gestrichenen Holztafel in weißer Schreibschrift geschrieben steht: „aufdecken“. Das Verb ist zumindest Handlungsanleitung, wenn nicht sogar Imperativ. Wer die Tafeln wendet, entdeckt Fakten, Meinungen, Zahlen, Kommentare oder Zitate zum, wie Experten einschätzen, schwerwiegendsten Skandal in der jüngsten österreichischen Geschichte: zur Hypo Alpe Adria Bank, zu ihrem sehr interessanten kometenhaften Aufstieg, zu ihren Investitionsstrategien, ihrem raschen Fall und zur schweren Last, mit der sie der österreichischen Bevölkerung auf der Seele und auf der Tasche liegt.

20161006_125524Vier Künstlerinnen haben sich dieses Skandals angenommen, sie verweisen mit §7b des Mediengesetzes (Schutz der Unschuldsvermutung) ausdrücklich darauf, dass es sich bei allen aufgezeigten, beschriebenen oder zitierten Geschehen, bei denen sich der Eindruck eines unehrenhaften oder strafbaren Handelns einstellen könnte, immer nur um einen Verdacht handelt. Die Causa beschäftigt ohnedies weiterhin die gesellschaftlichen Institutionen.

Auf der anderen Seite fühlen oder steigern Johanna Tschautscher, Andrea Ettinger, Dominika Meindl und Gabriela Mayrhofer in ihrer Übersetzung des Geschehenen in eine Installation im öffentlichen Raum die Erregungstemperatur, die der Fall Hypo Alpe Adria in der Bevölkerung hat. „Ohnmacht mischt sich mit Wut, Entsetzen, Aggression, Resignation, Gleichgültigkeit, Arroganz, Moralverlust und Aufbegehren“, so fassen sie in einem mächtigen Satz die geplagte Seelenlandschaft des Volks zusammen. Die Interaktion, dass Menschen selbst vollziehen können, was sie von den Instanzen erwarten, das „Aufdecken“, arbeitet dem breiten Wunsch zu, dass nicht in einem Schweigen versinken darf, wofür nachfolgende Generationen noch Steuermilliarden zahlen müssen.

300 Holztafeln gibt es in Summe. Sie sind ein Medienangebot zur Bewältigung dieser riesigen Hypothek, wie sie nun auf der österreichischen Gesellschaft lastet. Die Folgekosten des Falls sind immer noch nicht konkret zu beziffern. Die Aktionistinnen-Gruppe lädt ein, sich ihre Tafeln für den Einsatz an öffentlichen Orten zu leihen. Wie dies geht, erfährt man auf ihrer Homepage. Seit heute und noch bis Freitag, 14.10.2016, liegen sie auf Initiative des Dominikanerhauses in Steyr (Oberösterreich) vor der Marienkirche am Steyrer Stadtplatz und vor dem Bundesschulzentrum in der Leopold-Werndl-Straße aus.

Wer „aufdeckt“, öffnet Räume für Kommunikation, für Positionierungen, Analysen, Diskussionen, Austausch, Entladung und Dialog im öffentlichen Raum. Wer „aufdeckt“, stellt sich verschiedenen Fragen. Und liest etwa diese: „Wie lässt sich mit diesem Riesenskandal und den zugrundeliegenden skandalösen Strukturen umgehen, ohne resignativ oder zynisch zu werden? Ohne anzufangen, selbst nach dem größtmöglichen eigenen Vorteil, auch auf Kosten anderer, zu streben?“ Ja, wie nur?

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