Das Prinzip steht über dem Leben: oder das Leben über dem Prinzip?

Der Angeklagte Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz) in der Fernsehfilmfassung von "Terror" von Ferdinand von Schirach - Foto: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjong

Der Angeklagte Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz) in der Fernsehfilmfassung von „Terror“ von Ferdinand von Schirach – Foto: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung

Das Fernsehen sucht nach neuen Formen und benennt diese als Event. Doch ist Ferdinand von Schirachs kluges Meisterwerk „Terror“, etwas mehr als ein Jahr nach seiner Uraufführung auf deutschsprachigen Bühnen, wie gemacht für die breite Beteiligung eines Publikums via Tele-Voting. So heißt die gelebte „Schöffengerichtsbarkeit“, wenn Rezipienten sie online oder via Telefonie oder SMS ausüben.

Major Lars Koch hat als Führer einer Alarmrotte eine Verkehrsmaschine mit 164 Passagieren abgeschossen, die von einem Terroristen gekapert in ein vollbesetztes Stadion gelenkt werden sollte. 70.000 Menschen habe er so das Leben gerettet. Koch hatte keinen Abschussbefehl. „Leben dürfe niemals mit Leben abgewogen werden“, sagt sein Verteidiger sehr früh in der Gerichtsverhandlung. 86,9 Prozent der österreichischen und deutschen Zuseher sowie 84 Prozent der Schweizer haben den Piloten heute Abend um 21:55 Uhr freigesprochen. Dies ist das Ergebnis von Laiengerichtsbarkeit, diese war zuletzt in Österreich sehr umstritten. Konkreter Auslöser für die Diskussion war die Gerichtsverhandlung zur Amokfahrt in der Grazer Innenstadt vom Juni 2015.

Welche Argumentationen haben die tele-votierenden „Schöffen“ wohl überzeugt? Die Plädoyers von Staatsanwältin und Verteidiger – Filmproduzent Oliver Berben besetzte alle Rollen exzellent, Florian David Fitz als Angeklagten, Lars Eidinger als seinen Verteidiger, Martina Gedeck als Staatsanwältin und Burghart Klaußner als Richter – spannten zur prime time rechtsphilosophische Argumentationsräume auf: von der unantastbaren Würde der Menschen, geschützt durch die Verfassung als „das Prinzip“ (Staatsanwältin) zur richtigen Entscheidung aus dem Gewissen heraus für das Leben einer bedrohten Masse im Stadion, einem Handeln im „übergesetzlichen Notstand“, auch und erst recht als Mittel im Kampf gegen den Terrorismus (Verteidiger).

Gerade diesem einen Satz aus dem Mund des Verteidigers, dieser Andeutung einer sonst unweigerlich eintretenden Ohnmacht gegen Interessen und Skrupellosigkeit des Terrors spreche ich persönlich zu, als sehr starkes Motiv der Masse funktioniert zu haben, um den seine Tat gestehenden Piloten, verantwortlich für den Tod von 164 Menschen, frei zu sprechen.

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