„Keine Freude“

cimg1240Wer als Politiker seine öffentliche Funktion bekleidet, bekommt von eifrigen Menschen rundherum (Beratern, spin-Doktoren) in einer Art Vokabelheft gereicht, mit welcher Redewendung welcher Sachverhalt zu argumentieren ist. So gibt es plötzlich „rote Linien“, die überschritten sind (konkret bei der Türkei in ihrem Wandel zu einem präsidentialen Absolutismus).

Was sich in diesen Tagen häuft, ist, dass Politiker bekunden, sie hätten mit Geschehenem „keine Freude“. Zuerst äußerte sich der Landeshauptmann von Oberösterreich mit diesen zwei Worten zur Veranstaltung der selbsternannten „Verteidiger Europas“, die sich in die Repräsentationsräume des Landes eingemietet hatten. Jüngst bemühte die Phrase auch der Justizminister zu einer Entscheidung des Weisungsrats seiner Behörde. Der Rat schlug eine Anklage gegen einen Rechtsanwalt nieder, der die Existenz von Gaskammern in den Konzentrationslagern in Zweifel gezogen hatte.

Mit „keine Freude“ tragen Politiker einer Situation Make-Up auf, die nicht nur klärender Worte bedürfte, sondern vor allem auch des Zugeständnisses, dass hier Arbeitseinheiten, für die man in seinem Mandat Verantwortung trägt, Fehler gemacht haben. Politiker brächen sich keinen Zacken aus der Krone – nein, im Gegenteil: sie erwiesen ihren Ämtern und den in diesen arbeitenden öffentlichen Bediensteten den Dienst, in Respekt auch in schwierigen Zeiten zu ihnen zu stehen: Sie müssten nur in die Mikrofone mit festem Ton in der Stimme eingestehen, dass Fehler passiert wären, dass an den daraus folgenden Konsequenzen gearbeitet werde. So aber hat man, diplomatisch plänkelnd und darin verharmlosend, nur „keine Freude“. Als Sachbotschaft deckt sich diese nur mit der Befindlichkeit der interessierten Öffentlichkeit. Auch die kann damit keine Freude haben. Sprachliches Abschirmen löst nämlich nichts, es verdeckt nur und darin nährt es Hypothesen, die das demokratiepolitische Gefüge nicht braucht.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: