Das Spiel des zwölften Manns

Die

Die „CD-Kurve“ im Wiener Ernst-Happel-Stadion oder Wo der zwölfte Mann am stärksten ist

„Nein, auf keinen Fall die Folienfahne vom Platz entfernen!“ – „Auch die Anleitungszettel bleiben bitte auf den Plätzen, dort, wo wir sie hingeklebt haben!“. Auf diesen steht: zuerst die Folie gespannt über den Kopf halten. Auf Anweisung des Vorsängers die Fahne schwenken. Wir (meine Tochter und ich) sind in der „CD-Kurve“, so die Kurzform, gemeint sind die Sektoren C und D des Ernst-Happel-Stadions in Wien, die bei Länderspielen des österreichischen Fußballnationalteams im ersten und zweiten Rang in fester Hand der Fan-Clubs sind. Am dritten Rang heißt’s „mitgehangen, mitgefangen“. Wenn man Länderspielatmosphäre mit intensivem Mitmachfaktor haben will, bucht man Karten dort. Wir machen das so.

Also zurück zur „Choreo“: Beim Einmarsch der Mannschaften halten wir die Folien gespannt, dann schwenken wir sie. Und wissen nicht, was wir gestaltet haben. Fotos via Snapchat von Freunden klären auf: die goldene Rückennummer 12 für den „12. Mann“ am Platz, das Publikum, stellten wir in Trikotausschnitt und Ziffern dar.

Wir, der zwölfte Mann, sind 48.500fach (abzüglich ein paar hundert Fans vom Gegner) an diesem Samstagabend aufgelaufen, um das Team in der WM-Qualifikation gegen Irland zu unterstützen. Unten am Zaun zwischen ersten Rang und Spielfeld steht der Vorsänger mit dem Rücken zum Rasen: „Unsere Mannschaft braucht heute unsere Unterstützung“, drei Punkte gilt es zu holen. Und er singt vor, bis die Masse einstimmt: „Rooot – weeeeiiiß – rooot, das sind die Farben, die wir in unseren Herzen tragen!“, immer wieder dann „Immer wieder Österreich“, zur Melodie von „Go West“ der Pet Shop Boys ein „Steht auf für unser Österreich!“, und dann, wenn der Druck unserer Mannschaft auf den Gegner besonders steigen soll: „Auf geht’s, Burschen! Kämpfen und siegen! Auf geht’s, Burschen, schießt ein Tor!“ Da der Vorsänger mit dem Rücken zum Spiel steht, ist die Synchronizität von Spiel und Unterstützungsinszenierung der „CD-Kurve“ nicht immer gegeben. Einerlei! Die ersten 20 Minuten spielt Österreich stark, Druck aufs irische Tor, auf der anderen Seite des Spielfelds. Nach der Pause fällt die Stimmung schon in der 48. Minute auf den Tiefpunkt. Aus dem Konter erzielt James McClean für die Iren ein superbilliges Tor. Der Vorsänger übt sich sofort darin, die „CD-Kurve“ moralisch aufzubauen. In Folge sieht die Kurve hinterm irischen Tor Angriffe der Österreicher auf sich zukommen, die zu langsam, zu stockend von der Mittellinie in den Strafraum führen. Zehn irische Feldspieler stehen viel schneller in zwei Fünferketten eng und suchen mindestens zu dritt den also nicht Zwei-, sondern jeweils Vierkampf mit Alaba, Arnautovic, Sabitzer oder Janko. In der 78. Minute appelliert der Vorsänger an uns: „Wir gleichen nicht nur aus, wir drehen das Spiel noch!“. Die Zeit vergeht viel zu schnell. In den vier Nachspielminuten stößt die „CD-Kurve“ noch im Chor einen bitteren Klageton aus, als die letzte österreichische Ausgleichschance nicht im, sondern knapp neben dem irischen Tor landet.

Österreich gegen Irland endet am 12. November 2016 unrühmlich 0:1. Dann also das nächste Mal wieder: auf geht’s Burschen, kämpfen und siegen!

Advertisements
Getaggt mit , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: