Provokation – was tun!

provokationVerlangt Provokation wirklich (immer) Reaktion? Zumal eine Reaktion stets kraftloser wirkt als die gesetzte Aktion, der Angriff, der darauf abzielte, von einem „Geschütz“ gleicher Schlagkraft Widerhall zu bekommen? Provokation produziert ja (Gegen)Provokation. Provokation sät Zwietracht, diese geht als Spaltpilz der Gesellschaft auf.

Vor wenigen Tagen stellte einer der beiden Kandidaten zur österreichischen Bundespräsidentschaftswahl, deren Wiederholung der Stichwahl in acht Tagen durchgeführt wird, in den öffentlichen Raum, ob denn Muslime als Pfleger arbeiten. (Sollte er es nicht wissen, da seine Gattin als Altenpflegerin tätig ist?). Flugs meldeten sich die Trägerorganisationen von Pflegeeinrichtungen und konterten mit Fakten und Daten. Vergeblich! Denn bei jenen, die diese Provokation erreichen soll, findet man auf sachlicher Ebene kein Gehör mehr. Wer auf Provokationen mit Fakten antwortet, ist in der Rolle, sich zu legitimieren. Dem Provokateur bleibt der zweifelhafte Ruhm, etwas gesendet zu haben, was bei der Empfängerseite unverzüglich den Subtext erhält, dass da schon etwas Wahres dran sein werde.

Das Erschreckende dabei ist, wie nun Tür und Tor für vollkommen aus der Luft gegriffene Behauptungen offen stehen, mit denen auf der Orgel der Gefühle Stimmung pro oder kontra etwas gemacht werden kann. Manche meinen darin eine Folgewirkung jener selbst konstruierten Wirklichkeitsblasen zu erkennen, die sich um dergleichen Aussagen in social-media-Netzwerken bilden, und die Menschen als authentisches Spiegelbild einer „wirklichen Wirklichkeit“ erachten, während jene, die das Berichten und Kommentieren nach strengen gesetzlichen Regeln betreiben und beherrschen, von den Provokateuren als „Lügenpresse“ abgestempelt werden. Zugänge aus dem Journalismus zur Deeskalation liegen nun beispielsweise in der Selbsterkenntnis, dass die bisher genutzten Medien (Print, Fernsehen, Radio, Internet) nicht mehr genügen und es zwingend wird, auch auf social-media-Plattformen als Medienunternehmen aktiv zu werden: Berichte in Ausgewogenheit gemäß journalistischer Sorgfaltspflicht versus großteils von blankem Hass aufgeladener Echokammern!

„Post-truth“ wurde bereits von den Oxford Dictionairies zum internationalen Wort des Jahres gewählt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es in wenigen Tagen von der österreichischen Jury als „postfaktisch“ in den gleichen Rang für das Land gehoben werden: Hier äußerten sich Zeitungskommentatoren kritisch, da sie meinten, das gute alte „verlogen“ entspräche dem Phänomen doch weitaus besser. „Postfaktisch“ drückt semantisch allerdings eine Weiterentwicklung aus. Bei „verlogen“ bleibt eine Alternative einer (durch Fakten bestimmten) Wahrheit vorhanden, während das „post-“ vor dem „faktisch“ doch vermittelt, dass die Fakten überwunden bzw. auf einer Zeitachse hinter sich gelassen werden. Diese seltsamen Freigeistigkeiten einer von Boshaftigkeit unterfütterten Fantasie finden Gefallen in einer von Frust, Wut und Dummheit gebeutelten Masse, die sich als „die da unten“ ansprechen lässt, um sich dann gegen „die da oben“ zu wenden. Amerika im ausklingenden Jahr 2016!

Was tun gegen Provokation? Gut österreichisch: „ned amoi ignorier’n“ (nicht einmal ignorieren)! Dies bedürfte einer Gesellschaft, deren Individuen in der notwendigen Breite einer kritischen Masse in der Lage zur mündigen Reflexion wären. Nur damit ließe sich der Giftzahn Provokation als heute vorrangiges Mittel der politischen Agitation ziehen.

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