Das Feuer weitertragen

Bestellungen von Spitzenpositionen im heimischen Kulturmanagement haben rasch einmal Aufregerqualität. Dieses Mal geht es um nichts Geringes. Ab September 2020 wird Bogdan Roščić Direktor der Wiener Staatsoper. Diese Entscheidung spaltet Österreich anscheinend mehr, als dies die eben zu Ende gebrachte Bundespräsidentenwahl geschafft hat.

Bogdan Roščić, derzeit im Spitzenmanagement der Musikindustrie tätig, erscheint manchen als nicht geeignet für die Führungsaufgabe der Topadresse für Musiktheater an der Wiener Ringstraße. Der promovierte Philosoph und Musikwissenschaftler stieg nach seinem Studium in den Journalismus ein, leitete erfolgreich den Radiosender Ö3 des ORF und präsentierte sich im Fernsehen als gestrenger Juror in Casting-Shows. Und nun soll dieser Mann den Hochkulturbetrieb Österreichs steuern?

Sorgen um eine Kunstsparte: Österreichs Kulturpolitik trifft eine kluge gegensteuernde Personalentscheidung

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Jene Klientel, die sich in der Hochkulturszene wähnt, wie sie einst der Soziologe Gerhard Schulze („Die Erlebnisgesellschaft“ 1995) definierte, muss aufheulen, denn natürlich rüttelt diese kulturpolitische Personalentscheidung daran, was Schulze für das Opernpublikum als „Unvergänglichkeitserwartung“ ausgepriesen hatte: Pflege von Repertoire, die Zelebration „bürgerlicher Kultur“ durch die Darbietung sogenannter „schöner und hoher Kunst“. Roščić wird antreten, um das Musiktheater neu zu positionieren. Es geht um einen Prozess, den Opernhäuser schon vor Jahren hätten einschlagen müssen. Direktoren wären schon längst berufen gewesen, die Zusammensetzung des Publikums zu verjüngen. Wer geht heute noch in die Oper? Und – mit Verlaub: wie lange kann (aus biologischen Gründen) ein dominanter Teil des heutigen Opernstammpublikums dies noch leisten? Bevor die Kunstgattung ausstirbt, weil die Nachfrage noch mehr auslässt, als dies schon der Fall ist – Roščić führte bei seiner Präsentation die prekär werdende Ist-Situation der Met in New York ins Treffen – muss gehandelt werden. Für jene, die die Personalentscheidung als misslich oder falsch interpretieren, mag ein Trost sein, dass der künftige Operndirektor beste Kontakte zu den Superstars der Opernszene hat, von denen er zur Zeit als Präsident von Sony Music Classical Tonträger herausbringt und vermarktet. Doch dieses Publikum wird sich damit abfinden müssen, dass Tradition nicht Anbetung der Asche bedeutet, sondern dass es ums Weitertragen des Feuers geht. Roščić kann das leisten. Roščić wird das leisten.

Postscriptum: Ach, was wünschte ich mir ähnlichen Mut in der Nachbesetzung von Führungskräften in mir regional näher gelegenen Kultureinrichtungen! Wie zum Beispiel im Brucknerhaus Linz: Denn die Diagnose der Ist-Situation dieses Konzerthauses hat große Ähnlichkeiten mit dem Befund, wie sich Opernhäuser (bald) entwickeln werden. Auch das erst 2013 eröffnete Linzer Musiktheater wird davon nicht auszunehmen sein.

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