Etwas mit sich anfangen

cimg1186Im Moment dieses nur durch unsere Zeitrechnung bedingten Übertretens der Schwelle ins neue Jahr liegt für viele von uns die Kraft eines neuen Anfangens. Man spürt die Zeit deutlicher als im Alltag, wenn sie einen vor sich hertreibt, wenn dichte Terminketten pro Tag absolviert werden wollen und die Ausrichtung seines eigenen Handelns möglicherweise gar nicht auf den Augenblick konzentriert bleiben darf. Weil es immer um etwas geht, was jetzt nicht gegeben ist, sondern in weniger oder mehr absehbarer Zeit anders, besser, schneller, effektiver werden muss. Wir sind zu sehr „chronos“, zu wenig „kairos“.

In Rüdiger Safranskis klugem Buch „Die Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“ lese ich:

Wenn das Bewusstsein auf das eigene Selbst stößt, muss es auch die eigene Zeit, als Hypothek und als Chance, übernehmen. Da gibt es ein Problem. Denn man muss etwas übernehmen, dessen man nicht mächtig ist und das man auch nicht selbst gemacht und eigentlich auch nicht zu verantworten hat. Aber man kommt nicht umhin, das Sein, das man ist – zum Beispiel der eigene Körper –, und die Zeit, in der man sich vorfindet – also die Schicksale und Umstände –, mit zu übernehmen. Dabei kann es auch zu Katastrophen kommen, etwa wenn es zu schwer ist, was da übernommen werden soll. Es kann geschehen, dass man sich im doppelten Wortsinn übernimmt. Und doch bleibt nichts anderes übrig, als sich zu übernehmen und etwas aus dem zu machen, wozu man gemacht worden ist. Also: etwas mit sich anfangen, obwohl man doch seiner eigenen Anfänge nicht mächtig ist. (S. 60)

„kairos“ bezeichnet den rechten Zeitpunkt einer Entscheidung, gewiss auch einer Reflexion, oder dem Spüren einer tiefen Zufriedenheit mit sich, mit dem, wer man ist, was man tut, womit man seine Zeit verbringt, also sein Leben gestaltet. Bei mir handelt es sich dabei nicht um das Gefühl einer absoluten Zufriedenheit, die es meines Erachtens nicht geben kann. (Wer mich persönlich kennt, wird wissen, mit welcher Facette meines Lebens ich momentan nicht zufrieden bin.) Mein Zufrieden-Sein äußert sich als geruhsamer Moment im absoluten Jetzt. Mag sein, dass es mit der besonderen Zahl zusammenhängt, die mir das Jahr 2017 mit der Wiederkehr meines Geburtstags bringen wird! Ich mag übrigens den Spruch einer Grußkarte, der da lautet: „Geburtstag ist nur eine Zahl, du bleibst.“ In diesem steckt jene Gegenwart, deren Zauber wir uns entziehen, der (viel zitiert) nach Hermann Hesse jedem Anfang innewohnt. Wir alle sind Flüchtlinge, unser Zukunftsbewusstsein treibt uns auf eine Flucht vor uns selbst. „Die Zeit des Anfangens ist die Zeit des Einzelnen, der sich als solcher entdeckt, Initiative ergreift und die ganze alte Scheiße einmal hinter sich lässt, um es mit Karl Marx zu sagen. Zeit des Anfangens löst aus dem Banne der Gesellschaft und lässt ein neues Lebensterrain ahnen“ (S. 65), schreibt Safranski.

Die unweigerliche Rücklenkung dieser Zeit des Anfangens in die Bahnen des Gesellschaftlichen bedeutet Ankunft in einer Zeit der Sorge. Richtig! Aber einen Neujahrstag lang soll das einfach einmal ausgeblendet bleiben.

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