Der steirische Brauch

Merke: Wer geehrt wird, muss sich Sorgen a) um seine berufliche Zukunft oder sogar b) um seine Gesundheit machen. Im konkreten Anlassfall gilt a). In der „Zeit im Bild“ (16.1.2017, 19:30, ORF2) wurden zwei Bilder von vier österreichischen Landeshauptleuten im Trachtenjanker, dem sogenannten Schladminger, gezeigt. Auf dem einen haben sie den Hut, den Ausseer, auf dem Kopf, auf dem zweiten heben sie ihre Hüte zum Gruß. Zum Abschiedsgruß?

Großes Goldenes Ehrenzeichen mit Stern von einem Landeshauptmann (Schützenhofer/Steiermark, ganz links) für die Amtskollegen aus Oberösterreich, Wien und Niederösterreich - Foto: Kommunikation Land Steiermark/Scheriau

Großes Goldenes Ehrenzeichen mit Stern von einem Landeshauptmann (Schützenhofer/Steiermark, ganz links) für die Amtskollegen aus Oberösterreich, Wien und Niederösterreich – Foto: Kommunikation Land Steiermark/Scheriau

Von den vieren ist einer der Ehrende, drei sind die Geehrten. Der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhofer vergibt an drei Kollegen hohe Landesauszeichnungen. Dazu kann man stehen, wie man will. Ich empfinde es als widerwärtig, abgehoben, selbstverliebt. Es spiegelt ein Amtsverständnis, das mit altmodisch noch sehr höflich bezeichnet ist. Es steht für einen politischen Stil einer längst vergangenen Zeit, weit weg von notwendigem modernen leadership für eine Region, Landesfürstentum eben, wie es überall dort, wenn Föderalismus zur Plage wird, zu Recht kritisch angesprochen wird.

Viel wird in unserer Gegenwart über die Arbeit von Medien und die Absicherung journalistischer Basisprinzipien (Recherche, Wahrung der Sorgfaltspflicht, Trennung von Bericht und Meinung – übrigens, ein blog-post ist ein Meinungsbeitrag) diskutiert. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten genießen diesbezüglich noch am ehesten das Vertrauen der Medienkonsumenten, so auch meines. Parallel zur offiziellen Aussendung des Landes Steiermark finde ich Berichterstattung zur Ehrung der Landeshauptmänner von Nieder-, Oberösterreich und Wien auf noe.orf.at, dem News-Portal des niederösterreichischen ORF-Landesstudios. Da kann man dann als Begründung für die zweithöchste Ehre, die das Land Steiermark vergeben kann, lesen: „Die drei hätten sich in den letzten Jahren für die Steiermark besonders eingesetzt, so Schützenhöfer in seiner Laudatio. Michael Häupl etwa habe sich vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er den Steiermark-Frühling in Wien ermöglicht habe, und Josef Pühringer sei mitverantwortlich für den Ausbau des Bosrucktunnels, der für die steirische Wirtschaft enorme Bedeutung hätte. An Erwin Pröll schätze er, dass er mit ihm reden könne und ,es geht nichts raus‘. Ausgezeichnet werde Pröll, weil er sich zum Beispiel in Brüssel für die Beibehaltung der Regionen eingesetzt habe und die Mariazeller-Bahn, die für den steirischen Wallfahrtsort wichtig ist, erhalten habe.“ Realsatire! Durch nichts zu übertreffen!

Beim „steirischen Brauch“ handelt es sich eigentlich um ein Gstanzl-Lied, dessen gerne auch zotigen Verse zumindest unterhalten, immer wieder aber auch pointiert und hart Kritik äußern. Als politisches Instrument steht „der steirische Brauch“ ab sofort für ein protokollarisch überinszeniertes Ehrungszeremoniell unter seinesgleichen in Hochmut, punktuell sofort gefolgt von einem Fall. Denn der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll erklärte tags darauf, also heute, mit März 2017 aus all seinen politischen Funktionen auszuscheiden.

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Ein Gedanke zu „Der steirische Brauch

  1. Respekt und auch von mir meine Gratulation

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