Ein Jogger oder eine Schneestange

Da geht ein Mann an einem Abend seinen sportlichen Ambitionen nach und joggt. Es endet für ihn im Krankenhaus. Der Mann lief entlang einer Straße und wurde von einem PKW erfasst, niedergestoßen und verletzt. Lenker nachkommender Fahrzeuge hielten an und kümmerten sich um den Verletzten. Am Unfallort wurde ein abgerissener Seitenspiegel jenes Fahrzeugs sichergestellt, dessen Lenker den Unfall verursacht und Fahrerflucht begangen hatte. Tags darauf meldete sich dieser in Folge der Medienberichte bei der Polizei und erklärte sein Verhalten so: „Er habe den Jogger nicht bemerkt, sondern gedacht, dass er eine Schneestange angefahren habe.“ (Quelle: ooe.orf.at)

Faktisch eine Schneestange, alternativfaktisch ein Jogger

Faktisch eine Schneestange, alternativfaktisch ein Jogger

Seit drei Wochen hat dieses Phänomen einen schicken Begriff. Kellyanne Conway, Beraterin von US-Präsident Donald Trump, schenkte ihn der Welt (wir hätten gerne darauf verzichtet!). Man könnte von „alternativen Fakten“ sprechen, mit denen der Lenker (für ihn gilt die Unschuldsvermutung) sein Fehlverhalten zu argumentieren versucht. Die Formulierung „alternative Fakten“ ist ein gutes Beispiel für jene gesteigerte Form einer Wiederholungsschleife von „political correctness“, wie sie uns in den neunziger Jahren Kunstkritiker Robert Hughes (1938-2012) in seinem Buch „Nachrichten aus dem Jammertal“ in ihrer Absurdie bereits analysierte. Hughes zeigte auf, wie Wahrnehmung von und das Reden über die Wirklichkeit durch eine anscheinend wertneutralisierende Sprache verbaut werden. In Wiederkehr und Missbrauch dieser Attitüde werden Begriffe konstruiert. Sie geben der Realität – nicht als Abbild einer bewusstseinsunabhängigen Wirklichkeit, sondern als Konstrukt aus Sinneswahrnehmungen und Erinnerungen aus dem Gedächtnis – eine sprachliche Präsenz und darin Akzeptanz. So sagt man halt dann „alternative Fakten“. Gemeint sind Lügen.

Psychologisch mag den Unfalllenker das Ereignis veranlasst haben, sich eine Wirklichkeit und darin in seiner Subjektivität Wahrheit zu zimmern, die ihm anstatt des niedergefahrenen Menschen eine Schneestange einsetzte. Dass er aber trotz Medienberichterstattung bei seinem verspäteten Erscheinen bei der Polizei noch an diesem Trugbild seiner Erinnerung festhält, ist egoistisch und angesichts eines Verletzten moralisch höchst verwerflich.

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