Die Vision des Franz Sedlacek

Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Wer auf Schipisten verkehrt, möge folglich nicht gegen die Überfüllung des alpinen Raums mit Schisport lästern. Und doch: es braucht ein wenig Klartext zum Verhältnis Mensch zu Schisport.

Die Vision der „Übungswiese“, eines kleinformatigen, 1926 entstandenen Gemäldes des so rühmlichen und doch nur Insidern gut bekannten Malers Franz Sedlacek (1891 in Breslau geboren, seit 1945 in Polen vermisst) ist Wirklichkeit geworden. Das reale Bild, in Beobachtungen vom Sessellift aus, wirkt wie eine dreidimensionale Überblendung des Kunstwerks (dieser Link führt zu einer virtuellen Ansicht unter der Annahme, dass „The Gap“ die Nutzungsrechte für das Bild im Besitz des Kunstmuseums Lentos in Linz inne hat).

Ja, ich bin selbst Teil dieser Masse. Ich bin Österreicher, somit Angehöriger eines Volks, dessen kleines Land durch den Ostalpenauslauf in Norden und Süden geteilt wird. Zur Sozialisation meiner Generation gehörte das Erlernen des Schifahrens, es ist Teil unserer, es ist Teil meiner Kultur. Wer hierzulande als Kleinkind das Stehen und Gehen erlernt hat, steht den Winter drauf auf Brettern und macht Rutschversuche. Im Kindergarten geht’s dann bereits in die Schischule. Schulschikurse folgen, auch wenn diese in jüngster Zeit wegen der ansteigenden Kosten immer wieder in Diskussion geraten sind. Der alpine Schisport stiftet uns Identität. Wir Österreicher fahren Schi, die Deutschen laufen. Darum sind wir auch schneller. Unter den Gesetzen von Schwerkraft und Gefälle sind wir schwer zu schlagen (Danke, Nicole Schmidhofer! Danke, Marcel Hirscher! Danke ans ÖSV-Team für sechs weitere Medaillen bei der jüngsten alpinen Schiweltmeisterschaft in St. Moritz!).
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Wir leben unseren Nationalsport so intensiv, dass selbst Debatten über die pädagogische Sinnhaftigkeit einer Woche Schulferien im Februar (für neun Bundesländer gestaffelt in drei Wochen durchgeführt) ganz rasch mit dem Argument beendet werden, dass es ja um die Tourismuswirtschaft geht. Was uns heute im Praktizieren unserer sportlichen Identität zusetzt, sind die schwieriger werdenden Rahmenbedingungen. Die FIS-Regeln für sicheres Schifahren haben wir quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Heute sind wir die letzten Mohikaner der gebotenen Pflicht, vor dem Wegfahren einen Blick nach oben zu werfen, um zu sehen, ob wir freie Fahrt haben können. Wir stehen an Nachmittagen in den wartenden Menschentrauben für den neuerlichen Transport in die Höhe und können uns dabei durch kräftiges Ein- und Ausatmen der Alkoholausdünstungen unseres Umfelds leicht illuminieren. Auch steigen Fahrlässigkeit und Aggression auf der Piste. Raufhändel unter Schifahrern brauchen dann Klärung durch die Exekutive, die mit dem Skidoo zum Einsatz rast. Fahrerflucht nach Unfällen auf den Pisten nimmt zu.

Auch an den Liften wechseln die Verhaltensweisen Saison für Saison. Im Winter 2016/2017 stehen Menschen unmittelbar vor der Einstiegsstelle wie angewurzelt. Sie warten dort – und nur dort – auf ihre lieben Angehörigen. Die Preise für die Aufstiegshilfe haben im Bereich der Tageskarte mit €50 eine magische Schwelle erreicht. Der österreichische Nationalsport ist, als Urlaub gelebt, mit Ausgaben für Ausrüstung, Reise, Unterkunft und Verpflegung, zu einem Luxus geworden. Weite Gruppen der Bevölkerung können sich diesen längst nicht mehr leisten. Die, die es noch können, fragen sich, ob sie es noch wollen.

Noch will ich. Jedes Jahr prüfe ich meinen Willen. Noch ist er stark. Kraft gibt ihm das Spiel mit der Bewegung, dem Rhythmus, der Geschwindigkeit, dem Fahrtwind, dem Zug auf der Kante. Möge es lange noch so bleiben!

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