Die digitale Revolution frisst Arbeitsplätze

Richard David Precht sprach auf Einladung der Sparkasse Oberösterreich und der Industriellenvereinigung Oberösterreich in Linz. Thema: „Die digitale Revolution – Fluch, Segen oder beides?“. Der aus Fernsehen und dank seiner Veröffentlichungen weithin bekannte Philosoph schuldete seiner Wissenschaft, den Thesen des IV-OÖ-Geschäftsführers Joachim Haindl-Grutsch zu kontern. Der sagte, jede der bisherigen großen sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Revolutionswellen habe langfristig betrachtet einen Zuwachs an Arbeitsplätzen mit sich gebracht.

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Ein Philosoph, ein Mikrofon, eine knappe Stunde brilliante Rhetorik: Richard David Precht am Aschermittwoch 2017 im Palais Kaufmännischer Verein in Linz (Oberösterreich)

Wenn das Konzept von „Industrie 4.0“ auf globales Wirtschaftswachstum setze, dann ja, sagte Precht. Was aber ist, wenn der technische Fortschritt nur die Effizienz steigert, wenn – in der Sprache des Philosophen – „instrumentelle Vernunft“ dominiert?

Precht zeichnete Zukunftsszenarien. Beispiel 1: die intensive Entwicklungsarbeit eines selbstfahrenden Automobils. Statt den Raum verstellenden Fahrzeugen (die meiste Zeit stehen Autos ja nur herum!) bestellt man sich ein autonom gesteuertes Fahrzeug gegen „flat-rate“, Abholung zum gewünschten Zeitpunkt direkt von zu Hause, die Programmierung bringt mich ans Ziel. Vom „Ende der Fetischisierung des Individualverkehrs“ spricht der Philosoph. Das reduzierte den Fahrzeugbedarf auf ein Fünftel des jetzigen und beträfe zwei Millionen Beschäftigten in der deutschen und österreichischen Automobilindustrie schwer.

Beispiel 2: das Ende des Hausarztes, einer Person, zu der man heute schon nur noch geht, „wenn man sich mit jemandem unterhalten will, der sich für einen interessiert.“ Die großen Player in der Technologiebranche arbeiten an Armbanduhren, die biomedizinische Daten screenen und im Bedarfsfall den Menschen beraten, sich an eine Klinik zu wenden oder im Akutfall diesem automatisiert die Rettung schicken.

Beispiel 3: der Bedarf an Möbel. Standardisierte Ware wird zukünftig über einen 3D-Drucker erzeugt, gehobenes Tischlerhandwerk überlebt nur für jene Konsumenten, die Ware von der „Drucker-Stange“ nicht haben wollen bzw. sich anderes aus echtem und handverarbeitetem Holz leisten können.

Das 18. Jahrhundert hat unser Handeln geprägt, wir leben in Gesellschaften, die sich über Arbeit definieren. Richard David Precht sieht durch die Digitalisierung, die Produktivität erhöht, einen Paradigmenwechsel auf uns zukommen, den zu bewältigen er mit zwei Bedingungen für die westeuropäischen Gesellschaften verknüpft:

  1. Jeder braucht genug Geld in der Tasche. Precht tritt für Grundeinkommen ein. Das Argument der Ungerechtigkeit lässt er nicht gelten. „Es gibt hier keine Gerechtigkeit.“ Die Datenökonomie braucht Kunden.
  2. Jeder braucht genug Pläne für den Tag, um mit sich etwas anfangen zu können.

„Mit welchen Instrumenten schaffen wir es, dass möglichst viele daran teilhaben können?“, fragte er in Linz zu dieser Utopie eines Umbaus von Bildung, Arbeitswelt, Pensionssystem. Für die Bildung schlug er vor, nach einer sechsjährigen Grundbildung junge Leute in Projekten (nicht geführt von PädagogInnen, sondern von Menschen verschiedenster Berufsbilder) „individuell zu fördern“. Vielleicht eine plausible inhaltliche Füllung für den so viel bemühten Begriff des „Individuellen“ …

Das Lebensziel Pensionsantritt als breit vertretene Sehnsucht Erwerbstätiger ließe sich in Prechtschem Sinne darum als (mehrheitsfähiges?) Postulat für einen gesellschaftlichen Wandel zu einem durch Grundeinkommen finanziell gesicherten Leben lesen. Wie würden Sie Ihren Tag gestalten, wenn Sie frei über Ihre Zeit verfügen könnten? Belassen Sie diese Frage nicht im Rhetorischen, die community liest Ihre Antwort sehr gerne als Kommentar zu diesem blog-post.

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