Stigma einer Stadt

Vorurteile! Wohin fahrt ihr? Nach Amsterdam? Wohl um ganz legal was zu rauchen? Ihre liberale Politik zum Konsum weicher Drogen gibt der Stadt ein Stigma. Man kann es riechen. Stadtführerin Jessica sagt, Amsterdam mache dies „für die Touristen“. Hier wird nicht kontrolliert, laut Reiseführer braucht ein Konsument außerhalb der Hauptstadt den sogenannten „Wietpas“ (Marihuana-Pass). 17 Millionen Touristen zog es 2015 nach Amsterdam, sicher nicht nur wegen der Coffeeshops oder dem einschlägigen Handelsangebot rundherum, Geschäfte in Überzahl, der Umsatz muss also stimmen. „Es gab Überlegungen, die Coffeeshops wieder zu schließen“, erklärt Jessica. Den Handel würde dies nicht unterbinden, sondern nur auf die Straße verlagern. Weil es sich spontan ergibt, frage ich Stunden später eine junge Frau Anfang 20, die gerade einen Coffeeshop verlässt: Nein, es seien schon die Einheimischen, die konsumieren. Sie geht einmal am Tag. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Gelebte Offenheit: Kirche und rote Laternen sind Nachbarn

Im Zentrum von Amsterdam fokussiert sich die Offenheit der niederländischen Gesellschaft. Sie holt Bedürfnisse und Leidenschaft in den Alltag. Kein verstecktes, kein heimliches Getue. Rote Laternen leuchten schon mal in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche. In den „red rooms“ präsentieren sich die Liebesdienstleisterinnen. Aufkleber mit einem durchgestrichenen Fotoapparat am Schaufensterglas sollen ihnen helfen, in Zeiten der permanenten digitalen Abbildung ihre Persönlichkeitsrechte zu schützen. Im nördlichen Grachtengürtel erstrahlen die großen Fensterflächen der Backsteinbauten mit ihren signifikanten Giebeln in der Nacht im Licht. Vorhänge sind selten, wo sie hängen, werden sie nicht zugezogen. Ein Amsterdamer Bürger löffelt Jogurt und gewährt damit Einblick in sein privates Leben. Es ist, als würde Edward Hoppers Gemälde „Nighthawks“ lebendig!

Die Niederlande haben sich in der vergangenen Woche der „Aufwärmübung“ (so der EU-Experte und Berater Luuk Van Middelaar) für die großen Wahlen 2017 in Frankreich (April) und Deutschland (September) unterzogen. Der rechtsliberale Mark Rutte zeigte in den Tagen vor der Wahl zu den türkischen Begehrlichkeiten, ihre in den Niederlanden ansässigen Community für die Abstimmung zur Verfassungsreform zu informieren, kräftiges Muskelspiel. Das half im Wahlkampffinale. Seine VVD verlor zwar, blieb in der orangen Vielparteienlandschaft allerdings noch stärkste Kraft. Platz zwei ging an die PVV des Rechtspopulisten Geert Wilders. Mit dem will niemand regieren. Rutte appellierte in den Tagen vor der Wahl gegen den „falschen Populismus“ (gibt es einen richtigen?). Auch die Niederlande rutschen politisch weiter nach rechts, ein europäisches Wohlstandsphänomen. Die Sozialdemokraten marginalisierten sich. In Amsterdam wurden die Groen-Linken mit ihrem 30-jährigen Spitzenkandidaten Jesse Klaver stärkste Kraft. Das wundert wenig in einer Stadt mit einer Bevölkerung, von der Stadtführerin Jessica sagt: „Ich schaue gerne in diese vielen verschiedenen Gesichter.“ Dass die Kluft zwischen urbanem und ländlichem Raum weit aufgeht, kennen wir. Die Präsidentenwahlen in Österreich und in den Vereinigten Staaten haben dies gezeigt. Jede Wiederholung dieser Diagnose verweist immer deutlicher auf eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre: wie will man mit dieser Stadt-Land-Differenz umgehen?

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Diese Momentaufnahme wurde möglich, weil ich vom 12. bis 17. März 2017 eine Projektwochenreise der 3AKM der HLW Steyr (Österreich) nach Amsterdam leitete. Inhaltlich beschäftigten wir uns während unseres Aufenthalts mit interkulturellen Differenzen und Stereotypen der Kulturen. Dazu drehten wir u.a. Straßeninterviews, auch zum Ausgang der niederländischen Wahl. Ein kleiner Film dazu ist via YouTube verfügbar.
Die Schülerinnen bloggten auch und freuen sich über zahlreiche LeserInnen: https://3akm1617amsterdam.jimdo.com

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