Robinsons Märchenspiel mit den Renaissance-Cowboys

Verstehe wer will, warum das Landestheater Linz (Oberösterreich) das renovierte und darum „neue“ Schauspielhaus just mit einer Produktion eröffnet, für die das Publikum den Guckkasten im Vintage-Style gerahmt bekommt: für Shakespeares „Der Sturm“ (deutsch von B. K. Tragelehn) nämlich. Ist Prospero nur Regisseur seiner eigenen Geschichte? Vor dem von Jahren gezeichneten Bühnenportal mit den zerschlissenen Vorhängen auf einem Fauteuil thronend, dessen wackeliges Gestell durch untergelegte Bücher stabilisiert wird (Ausstattung: Momme Röhrbein)? Nicht nur weil sein Zaubermantel auch Gehrock einer Vaterfigur im Biedermeier sein könnte (Kostüme: Angelika Rieck), nimmt dieser „Sturm“ seinen Auftakt wie ein Zauberspiel von Ferdinand Raimund. Das Schiff, dessen adelige Passagiere Prospero für seine Rachepläne auf der Insel schont, geht mit einem sich hin- und herwiegenden Bootsmann am Steuerrad und ein wenig Klappen-auf-/Männer-raus- bzw. Männer-rein-/Klappen-zu-Choreografie im angeschrägten Bühnenboden unter.

Jede Inszenierung von „Der Sturm“ heute braucht für Ariel und Caliban einen gediegenen Interpretationsansatz. In Linz erscheint der Luftgeist (Alexander Julian Meile) als Dandy mit langen, etwas schmierig-glatten Haaren im zeitgeistig modernen weißen Outfit, unsichtbar für die anderen, wenn er Sonnenbrillen trägt (die eine hochgeschminkte Augenbraue holt – nur in der Maske – ein bisschen Mephisto à la Gustav Gründgens herein). Dass ein Caliban (Julian Sigl) im Jahr 2017 wie eine zottelige Werwolfdarstellung aus der Bühnenklappe kriecht, macht die beiden Geister unfreiwillig zum Allegorien-Paar Zivilisation zu Barbarentum. So bleibt’s Raimund, wird nicht Shakespeare!

Sieht aus wie Mephisto und Faust und ist trotz Totenschädels auch nicht „Hamlet“: Ariel und Prospero in „Der Sturm“ am Landestheater Linz – Foto: Christian Brachwitz/Landestheater Linz

In den Szenen mit Caliban und den Trunkenbolden Stephano und Trinculo (erfrischend: Jan Nikolaus Cerha und Björn Büchner) wird das Bühnenleben dynamisch. Da folgt Regisseur Stephan Suschke, seit dieser Saison Schauspieldirektor in Linz, dem Text und setzt treu um, leistet gutes Handwerk also, während die gekenterte Intrigensippschaft aus Mailand und Neapel im Ornat und Stiefeletten-Schuhwerk auf den Bühnenbrettern anwächst wie Renaissance-Cowboys vorm Ziehen fürs Duell. Antonio (Sebastian Hufschmidt) und Sebastian (Christian Manuel Oliviera) zeigen sich dementsprechend unterkühlt und doch von einem angespannten Nervenkostüm, das bei geringster Reizung das Stilett zücken lässt. Gonsalo, der altersweise Gewissensträger mit Hang zum Sprechdurchfall, ist bei der im Vergleich zu ihren Kollegen zwei Köpfe kleineren Eva-Maria Aichner pointiert angesetzt. Alonso? Joachim Rathke muss ihn apathisch auf die Bühne stellen. Die Regie belässt diese Figurengruppe ausschließlich im Ping-Pong ihrer Dialoge. Erst zum Schluss, wenn Prospero (Vasilij Sotke) sie in seine Zelle bittet, kommt über Ariel, der Getränke serviert, endlich eine andere Spielebene auf. Zu spät. Kurz danach bittet Prospero im berühmten Epilog schon um die erlösende Nachsicht des Publikums.

Achja, Prospero! Dass eine eigentlich so vielschichtige Hauptfigur so abwesend, so in Gelassenheit gedämpft erscheinen kann: Nicht plagt den Vater richtig, dass die behütete Tochter Miranda (Anna Rieser) in Liebe zu Ferdinand (Clemens Berndorff) entbrennt. Nicht kümmern ihn Ariels Ungehorsamsattitüden und der Mordplan von Caliban und seinen Trinkbrüdern. Nicht rührt ihn sein Entsagen an die Zauberkräfte, nicht die Konfrontation mit jenen, die er sich ja auf die Insel gebracht hat, um den verwirkten Herrschaftsanspruch aufzuarbeiten. Dieser müde Prospero, ein Robinson auf seiner Zauberinsel, wirft zur gefälligen Einlullung des Publikums ein wenig die Märchenmaschinerie am Theater an. Mehr ist’s nicht. Für eine „neue Welt“, wie diese Spielzeit als Motto trägt, ist das enttäuschend wenig. Schauspiel am Landestheater Linz setzte in den jüngsten Jahren weitreichend Akzente. Der Auftakt im neuen Schauspielhaus erscheint, als würde Kurs zurück in eine (vermeintlich überwundene) Vergangenheit genommen werden. Das ist gegen den Wind! Um im Schiffsjargon zu bleiben: Herr Suschke, klar zum Wenden!

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