Die Tribute der EBU

Woran orientierte sich Suzanne Collins, als sie für ihre Romantrilogie „Die Tribute von Panem“ die Hungerspiele konstruierte? Aus jedem Distrikt dieser Dystopie eines Landes, in dem Produktionsteilung wechselseitige Abhängigkeit (und nicht unbedingt Markt) erzeugt, werden junge Menschen entsandt, um sich zur Ergötzung aller in einem Kampf auf Leben und Tod zu messen. Es ist ein Medienspektakel, raffiniert und strategisch zur Gefälligkeit des herrschenden Systems inszeniert. Das Volk benötigt über sein Brot („panem“) hinaus Kontemplation, Ablenkung, allerdings nicht im Sinn eines freien Gestaltens, sondern kontrollierte Unterhaltung. Das ist besser so für einen Zusammenhalt, der nicht gleiche Rechte und Ansehen für alle vorsehen darf.

Vor Jahrzehnten gründete die European Broadcasting Union (EBU) einen Sängerwettstreit als Beitrag zur Darstellung eines friedfertigen Europas. Doch wer sich heute ansieht, was daraus wie geworden ist, mag dramaturgische Parallelen zwischen Collins‘ Fiktion und einer der größten Fernsehshows auf dieser Welt (bestenfalls sehen ja 200 Millionen Menschen zu) erkennen. Die „Distrikte“ (teilnehmende Länder) gehorchen binnendifferenzierenden Regeln. Manche sind geschrieben: fixe Finalqualifikation für die „Big Five“, die halt mehr Geld in die EBU einzahlen, und das Gastgeberland. Manche entwickeln sich ungeschrieben: Griechenland gibt Zypern zwölf Punkte und umgekehrt, Skandinavien macht Gleiches im Ringelreigen der zugehörigen Länder, usw.

Screenshot in meinem Wohnzimmer: Robin Bengtsson mt Tänzerquartett im Semifinale 1 des ESC 2017 für Schweden – „Dressmann“-Werbung auf Laufbändern?

Jahr für Jahr steigen die Gladiatoren gestylt in die Arena von Licht-, Feuereffekten, Windmaschinen und neuerdings Laufbändern und singen auf Leben (als Künstler im Showbiz) oder Tod. Weil das Siegerlied 2016 der „Song Games“ geopolitische Folgewirkungen bis zur Gegenwart nach sich zieht, blieb der ukrainischen Sängerin Jamalla für ein wirklich schönes Lied eine europaweite mediale Resonanz und Prominenz verwehrt. Dafür hält sich das gesäuselte „Sorry“ des Schweden Frans schon ein ganzes Jahr lang lästig in den playlists der Radiostationen.

Nein, ich sage hier nicht, dass parallel zu Collins‘ Machtsystem in Panem die EBU eine Diktatur ist. Aber ein Geschmacksdiktat sagt sie an. Auch hier braucht es Spotttölpel. Danke schon jetzt, Salvador Sobral (Portugal)!

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