Volatile Welt

Ich las heute einen ungemein klugen Satz. Er stammt aus dem Mund des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Er sagte: „Die Erfahrung zeigt, die politische Welt ist, an der Börse würde man sagen, volatil geworden“ (Salzburger Nachrichten, 10. Juni 2017, Seite 2).

Volatilität, zum Fachbegriff empfiehlt sich der Blick ins FAZ.NET-Börsenlexikon, bezeichnet den Schwankungsbereich und darin die Standardabweichung als Indikator für ein Maß Risiko, in der Welt der Wertpapiere bezogen auf eine Kapitalanlage. In Analogie auf die Politik umgelegt bedeutet „volatil“ darum, dass die Erhöhung von Risiko im politischen Handeln – dazu gehören auch vorzeitig herbeigeführte Wahlen – gröbere Schwankungsbreiten in der Machtverteilung mit sich bringt.

Wenn etwa die britische Premierministerin Theresa May noch vor Wochen meinte, der Auftrag, den Brexit durchzuführen, bedürfte eines deutlicheren Votums der wahlberechtigten britischen Bevölkerung, so ist sie seit vergangenem Donnerstag wohl darin klüger, dass sich angesagte Entwicklungen in der Politik nicht in einer garantiert zu erwartenden Realität (deutliche absolute Mehrheit) abbilden. Die Politik ist, wie die Kursentwicklung im Wertpapierhandel, stark emotionalisierenden Momenten ausgeliefert. Die Tories bekamen die Quittung, May erhielt zwar noch das Mandat, eine Regierung zu bilden. Jüngste Meldungen orakeln über eine Ablöse, wenngleich erst in wenigen Monaten. Ein Jahr nach der Brexit-Abstimmung bleibt zweifelhaft, wer die Briten wie aus der Europäischen Union herausführen soll.

Ob Wahlentscheidungen, ob politische Arbeit: es ist entsetzlich wenig, das bereits auslöst, vom rechtschaffenen Pfad einer Sacharbeit abgebracht zu werden. Konstante Arbeitsbeziehungen zerschlagen sich in kürzester Zeit. Die Posse der österreichischen „Regierung“ (es fällt schwer, dem Wort hier die Anführungszeichen zu nehmen, denn die Semantik ist zur Zeit einfach nicht gegeben) rund um ein eigentlich fertig ausverhandeltes und beschlussreifes Schulreformpaket gibt ein schlimmes Beispiel von Volatilität in der politischen Welt. Ich arbeite seit 20 Jahren im Bildungssystem Österreichs und halte mich an mein zum Diensteintritt unterschriebenes Treuegelöbnis zur Republik Österreich. Meine Gefühlswelt zur Bildungspolitik schütze ich seit geraumer Zeit mit diesem belief, ich schreibe ihn hier der an Österreichs Schulen interessierten Öffentlichkeit quasi ins Stammbuch: „Wir können im österreichischen Schulsystem nur so gut sein, wie es unsere Bildungspolitik ist. Sie gibt die Regeln vor, nach denen wir Mitarbeiter des Systems zu handeln haben.“

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