Wenn Theologen den Himmel wieder einrichten

Als ob man der naturwissenschaftlich geprüften Wahrheit nur wie einer gefährlichen Seuche beikommen kann, drängt das Ensemble in silbrigen Schutzanzügen mit Helmen jene zusammen, die an dieser Wahrheit halten. Dann der Widerruf: dient er dem eigenen Überleben im System? Oder als Täuschungsmanöver? Hätte die Erkenntnis sonst Bestand? Und andernfalls Chance auf Verbreitung? Galileo Galilei ist für dieses Handlungsmuster ein exemplarischer Protagonist, zu Beginn Lebemann, guten Wein trinkt er direkt aus der Flasche, nascht Weintrauben, das Geld rinnt ihm so aus der Tasche, zum Leben und Forschen zu wenig. Das zieht seinen Schüler Andrea Sarti bis auf die nackte Haut aus, um jene geschliffenen Linsen zu bekommen, die den Blick ins Universum vergrößern. Galilei kopiert die Erfindung des Fernrohrs. Was dieses ihm sehen lässt, düpiert die kirchliche Obrigkeit. Nicht die Erde ist der Mittelpunkt des Universums, sondern die Sonne. „Es stimmt“, sagt der Astronom Pater Clavius ganz trocken. Nächster Satz: „Jetzt müssen die Theologen den Himmel wieder einrichten.“

Glauben heißt nichts wissen, lautet ein lästernder Spruch unter Kindern. Trump glaubt, dass es keinen Klimawandel gibt. Was er für sein „America great again“ predigt, klingt nach Heilslehre. Natürlich wird, was da behauptet wird, zu einer Wirklichkeit. Sie findet Anhänger, die sie als Wahrheit glauben wollen. So ist das mit dem Messianischen der Mächtigen heute. Deswegen gehen Wissenschaftler in einem „march for science“ für die Grundlagen ihrer Arbeit auf die Straße. Reiz-Reaktion-Schemata im ausgerufenen post- oder alternativfaktischen Zeitalter!

Wenn man  bedenkt, wie viel Vorlaufzeit ein Theater in seine Spielplankonzeption setzt, so datiert die Idee, „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht auf die Bühne zu bringen, spätestens mit dem Winterende 2016, also lange vor Trumps Wahlerfolg oder der notwendigen Manifestation in der Öffentlichkeit, was Wissenschaft leistet. Wenn die Realisierung auf der Bühne zum idealen Zeitpunkt den Strom der Zeit kreuzt, dann kommentiert Theater kräftig die Gegenwart. Ja, spielt mehr Brecht! Und zwar so, wie Regisseurin Katrin Plötner „Leben des Galilei“ in einer klugen Verknappung (zwei Stunden) auf die Bühne der Kammerspiele am Landestheater Linz (Oberösterreich) zu stellen versteht: Über spiegelnde Stege, wie ein eigenes Universum, dem im Hintergrund ein Sternenhimmel leuchtet, eine Kristallwelt, in der sich die Sphären wölben, balancieren und stolzieren die Schauspieler. Wie Gedanken in einer Kopfwelt. Wenn einer dieser Gedanken entschwindet, nimmt sich die Figur, von den schrägen Flächen rutschend, aus dem Spiel (Bühnenbild: Anneliese Neudecker).

„Leben des Galilei“ am Landestheater Linz: Theresa Palfi (Virginia), Jan Nikolaus Cerha (Ludovico Marsili), Alexander Hetterle (Federzoni), Markus Pendzialek (Andrea Sarti), Christian Taubenheim (Galilei) – Foto: Jochen Quast/Landestheater Linz

Besessenheit zu beiden Seiten: Christian Taubenheim zeigt mit kräftiger Stimme und großen Augen den Drang des Forschers Galilei als Bonvivant. In die Figur seiner Tochter Virginia lässt Theresa Palfi eine ganz besondere Aura strömen, was für eine charismatische Schauspielerin! Christian Manuel Oliviera entwickelte für den Kardinal Bellarmin eine sehr fein geschliffene Studie eines Gegenspielers, der sich doppelzüngig zwar zum wissenschaftlichen Disput bereit erklärt, aber bei kaum berührter Schmerzgrenze in seinem Hochstatus von Klerus Schutz und Glanz sucht. Eines der schönsten Bilder der Inszenierung unterstreicht dies, dann wenn er Kardinal Barberini zu Papst Urban VII. (Lutz Zeidler) in die goldene Robe wickelt.

Einer Tugend des epischen Theaters folgend werden auf einer Anzeige Szenentitel und zentrale Sätze eingeblendet. Einer davon: „Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, wie wir durchsetzen.“ Ein kluger Satz von Bertolt Brecht, sehr bekannt – und schon lange nicht mehr von einer derart atembeklemmenden Aktualität!

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