Hundert Stunden später

Die Aufnahme zeigt meine Perspektive auf die Menschenmasse, wie sie sich am Sonntag, 13. August 2017, um circa 13 Uhr durch Les Rambles in Barcelona bewegt. Les Rambles, ich verwende bewusst die katalanische Bezeichnung, ist die Flaniermeile schlechthin, zu beiden Seiten Architektur, die viel aus der Geschichte erzählt, in der Mitte die breite Promenade mit Kiosken und Souvenirhändlern. Nicht den Bruchteil einer Sekunde verschwendete ich in diesem Moment auch nur einen Gedanken, dass diese Zusammenkunft einer Menschenmasse Anziehungspunkt für Terror, dass ich hier in Gefahr sein könnte.

Hundert Stunden später, am Donnerstagnachmittag, befanden sich hier viele Menschen zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.

Ich war in der vergangenen Woche mit einer kleinen feinen Reisegruppe in Katalonien unterwegs, Wandern, Rafting und Mountainbiken im Arantal in den Pyrenäen, gerahmt von zwei Kurzaufenthalten in Barcelona. Am Donnerstag gegen 18 Uhr erhielten wir Anrufe unserer nächsten Angehörigen. Ob wir schon wüssten, ob es uns gut geht: zu diesem Zeitpunkt trinken wir 300 Kilometer von Barcelona entfernt nach unseren sportlichen Aktivitäten, ein lieb gewordenes Ritual zum Tagesausklang, Radler. Wir wissen, dass wir in weniger als 48 Stunden nach Barcelona zurückkehren werden. Vom Kopf her sind wir gelassen, so sicher wie jetzt wird die weltoffene Stadt am Mittelmeer noch nie gewesen sein. In der Nacht darauf schleicht sich bei manchen von uns dann doch aus der emotionalen Ebene die Frage ein, was nun auf uns zukommt.

Wir verlassen das Arantal am Samstagmorgen und erreichen Barcelona am frühen Nachmittag. An neuralgischen Stellen des Straßennetzes auf dem Weg von den Pyrenäen zurück an die Küste sehen wir Polizeisperren; jener, der den Lastwagen gesteuert hat, soll sich ja Richtung Frankreich abgesetzt haben. In Barcelona selbst: Normalität. Abends kreuzen wir auf dem Weg zu Barceló Raval, einem elfgeschossigen Hotel mit Dachterrasse und einem famosen 360-Grad-Blick ins nächtliche Barcelona, Les Rambles. Wo wir eine knappe Woche zuvor selbst gestanden und gegangen sind, erinnern kleine Seen aus flackernden Grablichtern an jene, denen der Terroranschlag das Leben gekostet hat. Das Flimmern der roten Plastikfassungen lässt auch den Eindruck zu, es handelt sich um glitzerndes Blut. Les Rambles blutet. „Barcelona hugs you“ lese ich auf einem Schild, das jemand an eine Straßenlaterne gelehnt hat. Etwas weiter steht ein riesiges Dinosaurierstofftier. Ein Dreijähriger ist unter den Toten. Ich ermesse in einem Gespräch mit einem Mitreisenden kurz, ob du in der Menschenmenge eine reale Chance hättest, einem in Schlangenlinien, mit hohem Tempo daher rasenden Lastkraftwagen zu entkommen. Erkenntnis: sie ist minimal. Wir wissen, dass viele Passanten in Geschäfte flüchteten, deren Inhaber sodann die Rollläden schlossen. Stunden saßen sie in ihren Schutzräumen, nicht wissend, was draußen vor sich geht, bevor die Polizei sie herausholte.

No tinc por. Das ist katalanisch und bedeutet „Ich habe keine Angst“. Beim Gedenken am Freitag zu Mittag auf der Plaça de Catalunya sollen tausende Trauernde diesen Satz skandiert haben. Auch ich selbst spürte in der Stadt weder am vergangenen Samstag noch gestern Sonntag in der Früh vor meiner Abreise Angst. Menschen entwickeln in Ausnahmesituationen zielführende Handlungsstrategien und setzen sie sofort um. Es braucht auch Glück. Es erfüllt mit tiefem Schmerz, dass für 15 Menschen das Glück sein Antlitz wendete und sich zu ihrem Schicksal verwandelte.

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Ein Gedanke zu „Hundert Stunden später

  1. Montse Bacardit sagt:

    schöne und richtige Worte, Peter. Vielen Dank zum Teilen mit uns. Am nächsten Samstag werde ich bei der Demonstration sein und sehr hart sagen #notincpor !!!

    Gefällt 1 Person

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